Blöße-Geben: Re-Inszenierungen von Scham im transkulturellen Theater

Dienstag, 13.11.2018, 18.15 Uhr, Institut für Deutsche Philologie (Rubenowstr. 3), Hörsaal

 

Julia Prager (Dresden): Blöße-Geben. Re-Inszenierungen von Scham im transkulturellen Theater

Die Scham ist die Grundgeste des Theaters: Denn das Theater gründet auf jenem exponierenden Schritt, den der Einzelne tut, wenn er aus dem Chor, dem Kollektiv, hervortritt und sich den Blicken der anderen aussetzt. Gleichzeitig lässt sich diese Bewegung nicht von einer merkwürdigen Doppeldeutigkeit lösen, insofern das Hervortreten immer auch einer Überhöhung des Selbst über jene anderen gleichkommt. Auf diese Weise wird das Theater zum Spielort von Scham, wo Grenzverschiebungen zwischen Beschämen und Bloßstellen permanent statthaben. In dieser prekären Situation des gegenseitigen Ausgesetztseins, das die Spielenden ebenso wie die Schauenden, auch das Publikum, einschließt, entfaltet sich das ethisch-politische Spiel des transkulturellen Theaters (Heeg), das den Grenzverkehr selbst in Szene setzt und dabei unerwartete Relationen zwischen den Teilhabenden herstellt – so fremd sie sich in Bezug auf kulturelle, geschlechtliche, religiöse etc. Zuschreibungen auch sein mögen.

Am Beispiel aktueller Theatertexte und Inszenierungen möchte der Vortrag dieses Spiel mit der Scham und das damit verbundene ethisch-politische Potential ihrer Re-Inszenierung vorstellen. Dabei wird insbesondere die Relation von Fremd-Sein und geschlechtlicher Codierung im Kontext von Darstellungsweisen von Fliehenden und kulturell Anderen in den Blick kommen. Beispielsweise soll danach gefragt werden, wie Jelineks Schutzbefohlenen-Texte und ihre Inszenierungen das Spiel mit der Scham vorantreiben, wenn sie u.a. über das schamlose Ausstellen der Monatsblutung fliehender Frauen das scheinbar unbeteiligte Schauen im Verfolgen von Nachrichtensendungen zum Theater der Beteiligung im Sinne einer unhintergehbaren Relationalität umcodieren.

 

Julia Prager arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin (OTPP) am Lehrstuhl für Medienwissenschaft und Neuere deutsche Literatur an der Technischen Universität Dresden. 2013 erschien ihre Studie Frames of Critique. Kulturwissenschaftliche Handlungsfähigkeit ›nach‹ Judith Butler bei Nomos in Baden-Baden.