Ärztin oder Asketin? Weibliche Lebensentwürfe im spätantiken Korykos

Dr. Susanne Froehlich, Geschichte
Die Erforschung weiblicher Lebenswelten in der Antike ist nach wie vor schwierig.In den literarischen Texten liegt die Deutungshoheit fast ausnahmslos bei männlichen Autoren. Anderes Quellenmaterial erweist sich als spröde: Grabinschriften nennen uns häufig nur Namen und Alter der verstorbenen Frauen, die allenfalls durch stereotype Rollenzuschreibungen als treu, keusch und eifrig handarbeitend charakterisiert werden.Weitgehend unsichtbare Frauen also?  Eine  Perspektive  eröffnet  sich  dort,  wo ein fester raumzeitlicher Rahmen die Kombination verschiedener Quellengattungen und damit einen multiplen methodischen Zugriff erlaubt. Am Beispiel der Region um Korykos und Seleukia im Süden der heutigen Türkei können spätantike Frauen nicht allein als Ehefrauen oder Witwen vorgestellt werden, sondern auch mit ihren Berufen zum Beispiel als Ärztin, Hebamme oder Diakonin. Eine besondere Bedeutung hat die lokale Heilige Charitine (†304), deren Kult in Korykos belegt,aber noch kaum erforscht ist. Die Märtyrerakten der Charitine lassen uns in lebhafter Schilderung an dem öffentlichen Prozess gegen die Heilige auf dem Marktplatz von Korykos teilhaben, wobei historische und fiktionale Elemente miteinander verwoben werden. Sogar mit einem raren weiblichen Selbstzeugnis kann der gewählte historische Chronotopos aufwarten: Die abenteuerlustige Pilgerin Egeria besuchte die Region um 380 auf der Rückreise aus dem Heiligen Land und hat ihre Eindrücke in einem  Reisebericht festgehalten, der besonders auf  eine Gemeinschaft von Asketinnen in Seleukia eingeht. Der Vortrag macht deutlich, dass sich in der Spätantike für Frauen neue Handlungsoptionen und Lebensentwürfe ergaben. Rollenvorbilder von keuscher Jungfräulichkeit oder Askese boten eine außerordentlich attraktive Alternative zu den familiären Geschlechterrollen als Ehefrau und Mutter.

Der Vortrag findet digital statt. Teilnehmen können Sie über den  Moodle-Kurs zur Ringvorlesung "Gender@Greifswald. Ringvorlesung zum 25jährigen Jubiläum des IZfG"Der Einschreibeschlüssel lautet "25IZfG". Falls Sie über keinen Moodle-Account verfügen, können Sie mit dem Einschreibeschlüssel "IZfG-digital2021" auch als Gast teilnehmen.

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