Call for Papers: Das Geschlecht der Medizin. Individualität in medizinischen Konzepten und Praktiken des 19. und 20. Jahrhunderts

Organisation: Dr. Annalisa Martin, Prof. Dr. Annelie Ramsbrock, Naima Tiné, M.A. (Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit, Universität Greifswald)

Die Geschichte der Medizin erlebt seit den 1980er Jahren eine Neuorientierung: Wurde sie lange Zeit als historistische Erfolgsgeschichte geschrieben, die sich aus einer Aneinanderreihung diverser Entdeckungen durch (meist männliche) Ärzte speiste, findet seit einiger Zeit eine kritische Auseinandersetzung mit medizinischen Praktiken statt.

Aktuelle Studien belegen, dass Diagnostik, Behandlung und Risikovorhersage bei einer Vielzahl von Erkrankungen bedeutsame Geschlechterdifferenzen zeigen. Dabei meint Geschlecht sowohl das biologische (sex) als auch das soziale (gender) Geschlecht und schließt ein Bewusstsein für vielfältige geschlechtliche Identitäten und ihre lebensweltliche Relevanz mit ein, inklusive queere, trans und nichtbinäre Personen.

Zugleich ist die medizinische Forschung noch vielfach auf den männlichen Normkörper zugeschnitten, berücksichtigt also Geschlechteraspekte sowie andere Diversitätsmerkmale nicht oder nur am Rande. Schließlich spielen medizinische Gutachten nach wie vor eine bedeutsame Rolle beim Kampf um Anerkennung von Transidentitäten, was zeigt: Geschlecht und Medizin sind aufs engste miteinander verwoben und stehen in einem reziproken Verhältnis zueinander: Medizin ist in vielfacher Weise vergeschlechtlicht und umgekehrt findet die Vergeschlechtlichung von Patient:innen durch medizinische Praktiken und Konzepte statt.

Die Tagung wählt dieses Verhältnis als Fluchtpunkt. Sie will die gesellschaftliche Dimension von medizinischem Denken und Handeln seit dem 19. Jahrhundert ausloten und dementsprechend das Verhältnis von Medizin und Geschlecht historisieren. Der Körper war stets ein umkämpftes Feld, sein status quo weder selbstverständlich noch notwendig. Besonders für das 19. Jahrhundert gilt deshalb, dass verschiedene medizinische Konzepte und Praktiken parallel zueinander existierten.

Einerseits machte die Zeit-Raum-Kompression, d.h. die Verkürzung von Transport- und Kommunikationswegen den globalen Transfer von Wissen über nationale, kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg möglich und führte zur Verschmelzung, Aneignung und Neuordnung von Wissen um Körper und Geschlecht.

Andererseits entwickelten verschiedene politische Strömungen unterschiedliche Anforderungen an (geschlechtsspezifische) Medizin. In Debatten der sozialistischen Bewegung rund um Ausbeutung, Arbeitsbedingungen und Lohn rückte der Körper und das Ideal der körperlichen Unversehrtheit in den Mittelpunkt.

Darüber hinaus wurde die hegemoniale Medizin sowohl in den Kolonien als auch in den europäischen Armenvierteln gewaltsam gegen den unterdrückten Körper durchgesetzt und avancierte zu einem gängigen Herrschaftsinstrument, das biopolitische Maßnahmen naturwissenschaftlich legitimierte. Damit wurden geschlechtsspezifische medizinische Handlungsparamter auch zum Gegenstand bürgerlicher, nationalistischer und imperialistischer Politik.

Auch hier führte das dichotome Zwei-Geschlechter-Modell zu unterschiedlichen Anforderungen an den männlichen und weiblichen Körper und trug zur Verfestigung dieses Modells bei. Mit unserer Tagung wollen wir den theoretisch-methodischen Anspruch einer rekursiven und kritischen Wissensgeschichte von Medizin und Geschlecht diskutieren. Folgende Fragekomplexe wären denkbar:

1. Ein erster Fragekomplex befasst sich mit unterschiedlichen Geschlechterkonzepten, die medizinische Strömungen prägten und die sie zugleich selbst hervorbrachten. Welche ontologischen Grundannahmen lagen ihnen jeweils zugrunde und inwieweit spiegelte sich deren Wandelbarkeit in Diagnostik, Therapie und Forschung? Und umgekehrt: In welchem Maße trugen medizinische Handlungslogiken zu einer (De)Stabilisierung der Geschlechterordnung als Fundament der (bürgerlichen) Gesellschaft bei?

2. Ein zweiter Fragekomplex zielt auf den Einfluss von Wirtschaft, Religion und Politik auf geschlechtsspezifische medizinische Praktiken. In welchem Maße verschwamm die Bedeutung von Krankheit und Gesundheit hinter gesellschaftspolitischen Interessen, zu denen auch Imperialismus und Kolonialismus zu zählen sind?

3. Drittens soll es um die Autonomie der Patient:innen über medizinische Eingriffe in ihren Körper gehen. Welche wissenschaftlichen, aber auch sozialen und kulturellen Entwicklungen lancierten identitätsbezogene Verschiebungen im medizinischen Handeln? Wie sah das konkrete Ringen um Deutungshoheit über den eigenen Körper in verschiedenen antagonistischen Konstellationen aus? Wer waren die Akteure solcher Kämpfe und wo fanden sie statt?

Die Konferenzsprache ist vorwiegend Deutsch, es können aber auch Beiträge in Englischer Sprache eingereicht werden.

Bitte senden Sie Ihr Abstract (maximal 300 Wörter) und eine Kurzbiographie (50-100 Wörter) bis spätestens 1. März 2024 an
naima.tineuni-greifswaldde.

Eine Bahnreise 2. Klasse, Flugreise nach Absprache und die Unterbringung können bei Bedarf übernommen werden.

Keynote 2. September: Prof. Dr. Karen Nolte (Heidelberg)
Panels 3.-4. September