Gender im Fokus 2018

23. November 2018, Alfried Krupp Wissenschaftskolleg (Martin-Luther-Straße 14)

Bereits zum fünften Mal findet in diesem Jahr das Forschungskolloquium des IZfG statt. Ziel der Veranstaltung ist es, aktuelle Arbeits- und Forschungsvorhaben, die Aspekte der Gender Studies thematisieren, vorzustellen und zu diskutieren. „Gender im Fokus“ versteht sich dabei als ein universitätsweites Austauschforum über Disziplinengrenzen hinweg und möchte Projekten im Bereich der Geschlechterforschung zu mehr Sichtbarkeit und Resonanz verhelfen.

 

Hier gelangen Sie zu den Abstracts der Vortragenden:

​​​​​​​10.15 - 11.00 Uhr - Graffiti und Geschlecht: Weiblich kodierte Sprache und skripturale Sichtbarkeit

Theresa Heyd und Alexandra Karnatz (Anglistische Sprachwissenschaft, Universität Greifswald)

Im Frühsommer 2018 veränderte sich, vermeintlich wie über Nacht, das städtische Erscheinungsbild Greifswalds. Insbesondere in den Stadtteilen Innenstadt und Fleischervorstadt waren mehrere Dutzend Graffitis mit einem (weit gefassten) Bezug auf Genderdiskurse entstanden. Auch im an Street Art nicht armen Greifswald erlangten diese Schriftzüge eine bemerkenswerte Sichtbarkeit, die sich unter anderem durch Berichterstattung in der lokalen Presse manifestierte. Ein Grund für diese besondere Sichtbarkeit dürfte in der spezifischen Semiotik der Graffitis liegen, die als eindeutig weiblich kodiert wahrgenommen wird. Dies erstreckt sich auf die sprachlichen Inhalte, beispielsweise linguistische Versatzstücke wir „Riot Girls“; noch stärker erscheint die weibliche Kodierung jedoch im Hinblick auf die visuelle Anmutung der Schriftzüge, die Vorstellungen von femininen graphematischen Praktiken anspricht. In dieser Studie sollen die sprachlichen und graphematischen Marker von weiblich kodierter Sprache untersucht werden und mit der transgressiven Wirkung der Greifswalder Schriftzüge in Beziehung gesetzt werden.

Die Soziolinguistik hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten ausführlich mit der Analyse von sprachlicher Sichtbarkeit im öffentlichen Raum befasst (s. z.B. Shohamy und Gorter 2008). Eine wesentliche Annahme der „Linguistic Landscapes“- Forschung ist dabei, dass öffentlich sichtbarer Sprachgebrauch stets als sozial bedeutungshaft gelesen wird und insbesondere Machtverhältnisse und (sprachliche) Ideologien in einem bestimmten Raum abbilden und prägen kann. Dies gilt, neben anderen Formen der Betextung des öffentlichen Raumes, nicht zuletzt auch für Street Art und seine Bezüge zu „place, pride, rebellion and appropriation“ (Pennycook 2008). Im Zusammenhang mit dieser linguistischen Hinwendung zu sichtbarer Sprache im öffentlichen Raum hat auch eine intensive Auseinandersetzung mit Schrift und ihrer soziolinguistischen Bedeutsamkeit begonnen: wie Spitzmüller (2013) zeigt, kann graphische Variation als soziale Praxis, ähnlich soziolinguistischer Variation in der gesprochenen Domäne betrachtet werden.

Vor diesem sprachtheoretischen Hintergrund werden die Greifswalder „Riot Girl“-Graffitis in dieser Studie analysiert und gedeutet. Auf der Basis eines umfangreichen, geolokalisierten Bildkorpus werden zwei Aspekte in den Blick genommen: 1) inhaltliche, lexikosemantische Muster und Aspekte; 2) visuelle und graphematische Formen der Variation. Die Ergebnisse können eingeordnet werden in aktuelle linguistische Debatten zu Sprache und Gender. Insbesondere lassen sich die Daten vor Camerons (2008) Ansatz lesen, dass Debatten über Sprache und Geschlecht häufig von Differenz-Ideologien geprägt sind, die Vorstellungen von ‚typisch männlich‘ und ‚typisch weiblichem‘ Sprechen reifizieren. Die Greifswalder Graffitis und ihre transgressive Wahrnehmung bieten somit Ansatzpunkte zum besseren Verständnis von Sprache und Geschlecht, sowie zu Kodierungen und Ideologien von weiblicher Sprache.

 

Cameron, D., 2008. Gender and Language Ideologies. The handbook of language and gender, 25, p.447.

Pennycook, A., 2008. Linguistic landscapes and the transgressive semiotics of graffiti. In Linguistic Landscape (pp. 342-352). London: Routledge.

Shohamy, E. and Gorter, D. eds., 2008. Linguistic landscape: Expanding the scenery. London: Routledge.

Spitzmüller, J., 2013. Graphische Variation als soziale Praxis: Eine soziolinguistische Theorie skripturaler ‚Sichtbarkeit‘. Berlin: de Gruyter

11.00 - 11.45 Uhr - Die chirurgische Kastration von Sexualstraftätern in Deutschland nach 1945

Merle Weßel (Nordische Geschichte, Universität Greifswald)

Im Jahre 2012 erteilte die Anti-Folter Kommission des Europarates Deutschland eine offizielle Rüge über das immer noch angewendete Gesetz zur Freiwilligen Kastration und andere Behandlungsmethoden, kurz Kastrationsgesetz, welches die mögliche Kastration von Sexualstraftätern in der Bundesrepublik Deutschland seit 1970 regelt. Das Gesetz sieht eine chirurgische Kastration von Individuen mit abnormalem Geschlechtstrieb zu Therapie- und Heilzwecken vor. In den Jahren zwischen 1970 und 1980 sind in Deutschland 430 chirurgische Kastrationen durchgeführt worden. Seit dem Jahre 2000 haben 29 Straftäter einen Antrag zur Kastration gestellt und elf Operationen fanden schlussendlich statt. Deutschland ist nicht das einzige Land mit einem Gesetz zur chirurgischen Kastration in der Europäischen Union. Die Tschechische Republik wurde bereits 2008 wegen ihres Kastrationsgesetzes verwarnt und die national-konservative Regierung in Polen erwägt zurzeit ebenfalls die Einführung eines Gesetzes zur Kastration von Sexualstraftätern.
Das deutsche Gesetz bezieht sich exklusiv auf männliche Sexualstraftäter und schließt die Möglichkeit der weibliche Kastration und Sexualstraftaten durch Frauen aus. Dieses Projekt diskutiert die Frage wie in Deutschland Sexualstraftaten von einer geschlechtertheoretischen Perspektive heraus konzeptualisiert werden? Die Hauptforschungsfrage ist wie die Möglichkeit zur chirurgischen Kastration als therapeutische Methode zur Kontrolle eines gestörten männlichen Sexualtriebes Maskulinität sowie männliche Sexualität definiert? Zudem was sagt die chirurgische Kastration als therapeutische, aber stark invasive Methode über Konzepte von Sexualität, Geschlecht und Menschenrechten in der Nachkriegs- Bundesrepublik aus?
Mit Hilfe von Foucault’s Perspektiven der Biopolitik und Abnormalität reflektiert dieses Projekt über die biopolitische Behandlung von nicht-normativer, männlicher Sexualität in Deutschland nach 1945.

12.30 - 13.15 Uhr - Architektur des Begehrens: Die Balkonszene als literarisch-affektives Arrangement vom trobador Guilhem de Cabestaing zu Shakespeares star-crossed lovers

Christoph Behrens (Romanische Literatur- und Kulturwissenschaft, Universität Rostock)

Ein berühmter Kupferstich von 1759, der die Darsteller*innen Barry Spranger (Romeo) und Mary Isabella Nossiter (Juliet) bei den Proben zu Shakespeares Romeo and Juliet im Covent Garden Theatre zeigt, führt eine Szene vor, die emblematischer nicht in der westlichen Liebeskultur verankert sein konnte: die Balkonszene. Obwohl diese allseits bekannte zweite Szene des zweiten Aktes der Tragödie der star-crossed lovers von 1597 den Balkon nicht erwähnt – auch das Lexem ist erst ab 1618 in der englischen Sprache nachgewiesen – so scheint die Balkonszene ohne Balkon dennoch paradigmatisch für jene Architektur und Dramatik der Liebeszene zu stehen, wie sie, scheinbar natürlich, in der Literatur- und Kulturgeschichte verankert worden ist.

Im Kolloquium soll aus gender-queer-theoretischer Perspektive auf die Verschränkung von Architektur, Begehren und Medium in der Liebesszene am Balkon abgehoben werden. Im Fokus soll die Frage stehen, inwiefern der Balkon als literarisch-affektives Arrangement (cf. Foucault 1978, Deleuze/Guattari 1980, Butler 1990, Ahmed 2010, Slaby 2016) dargestellt werden kann. Dazu soll nicht nur ein motivgeschichtlicher Einblick ausgehend von der höfischen Liebe bis zu Romeo and Juliet gegeben, sondern vor allem herausgestellt werden, inwiefern der Balkon/die Balkonszene als literarische Bühne und soziales Baugerüst an der Perpetuierung und auch Subversion heterogenormter Poetiken und soziokultureller Praxis von Affekt beteiligt ist. Im Kolloquium soll sonach die These diskutiert werden, inwiefern der literarische Balkon neben seiner referentiellen Eigenschaft als Teil des settings oder auch Marker der couleur locale immer auch einen metareferentiellen Charakter besitzt, der in Shakespeares Tragödie erstmals emblematisch wird und bis in die popkulturelle Aneignung ‚der‘ Liebesszene nachwirkt.

 

Auswahlbibliografie

Ahmed, Sara. 2010. The Promise of Happiness. Durham, NC: Duke University Press.

Butler, Judith. 1990. Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. New York: Routledge.

Deleuze, Gilles, und Félix Guattari. 1980. Mille plateaux. Paris: Éd. de Minuit.

Foucault, Michel. 1978. Dispositive der Macht: über Sexualität, Wissen und Wahrheit.  Berlin: Merve Verl.

Slaby, Jan, Rainer Mühlhoff, und Philipp Wüschner. 2017. „Affective Arrangements“. Emotion Review, Oktober, doi.org/10.1177/1754073917722214. (23.10.2018)

13.15 - 14.00 Uhr - Unsägliches Erzählen – Analyse des Vergewaltigungs-Motivs in Heinrich von Kleists Die Marquise von O… (1808)

Hannah Klema (Germanistische Literaturwissenschaft, Universität Innsbruck)

Sexuelle Übergriffe, die bis hin zur Vergewaltigung gehen, gibt es seit jeher. Welches Tabu solche Vorfälle aber selbst heute noch darstellen, wurde spätestens mit dem Aufkommen der #metoo-Bewegung im Oktober 2017 deutlich. Das ist nicht nur deshalb erstaunlich, weil man von einer modernen, offenen Gesellschaft anderes hätte erwarten können, sondern auch, weil Vergewaltigungen in der Literatur seit der Antike häufig thematisiert werden, sei es in der Geschichte der Lucretia, in Goethes Heidenröslein (1773) oder in Ebner-Eschenbachs Die Totenwacht (1894).1 Auch wenn das Motiv keineswegs erschöpfend beforscht ist, gibt es ferner eine Erzählung, auf die in diesem Zusammenhang sehr häufig Bezug genommen wird und in der eine Vergewaltigung, repräsentiert durch einen Gedankenstrich, „den Dreh- und Angelpunkt“2 des Textes darstellt: Heinrich von Kleists Die Marquise von O… (1808).3 Der Fokus dieser Bachelorarbeit liegt auf der Analyse des Vergewaltigungs-Motivs dieser Erzählung. Konkret soll untersucht werden, wie Kleists Umsetzung dieses Motivs aussieht. Per Close-Reading von ausgewählten Textstellen soll gezeigt werden, dass Kleist mit verschiedenen Mitteln versucht, den Vorfall der Vergewaltigung auszuklammern. Dadurch problematisiert er jenes Tabu, das auch heute noch aktuell zu sein scheint. Gleichzeitig konstruiert Kleist mit seinem Text einen juristischen Grenzfall und weist damit auf einen blinden Fleck der damaligen Rechtsprechung hin.4 In der Lösung, die Kleist für seine Erzählung wählt, lässt sich schließlich eine Kritik Kleists am gesellschaftlichen Umgang mit Vergewaltigungen lesen. Kleist gelingt es, das Motiv der Vergewaltigung umzusetzen, ohne das unaussprechliches Ereignis direkt zur Sprache zu bringen. Stattdessen stellt er die Sprachlosigkeit und jene Konflikte in den Mittelpunkt, die sowohl mit der Vergewaltigung an sich als auch mit der Nicht-Thematisierung derselben einhergehen. Ausgehend von dieser Beobachtung bleibt zu untersuchen, wie diese Darstellung der Vergewaltigung mit dem damals herrschenden Geschlechterverhältnis zusammenhängt.


1 Vgl. Milevski, Urania: Stimmen und Räume der Gewalt. Erzählen von Vergewaltigung in der deutschen Gegenwartliteratur. Bielefeld: Aisthesis 2016, S. 17.
2 Vgl. Milevski, Urania: Der männliche Blick und die Entortung des Weiblichen? Elliptisches Erzählen in Heinrich von Kleists Die Marquise von O… (1808) und Inka Pareis Die Schattenboxerin (1999). In: Verorten – Verhandeln – Verkörpern. Interdisziplinäre Analysen zu Raum und Geschlecht. Hg. von Silke Förschler et al. Bielefeld: transcript Verlag 2014, S. 249.
3 Vgl. ebd., S. 249f.
4 Vgl. Künzel, Christine: Vergewaltigungslektüren. Zur Codierung sexueller Gewalt in Literatur und Recht. Frankfurt, New York: Campus 2003, S. 24.

14.25 - 15.10 Uhr - Die Nutzung westlicher Geschlechterrollen in Xiaolu Guo, A Concise Chinese-English Dictionary for Lovers (2007)

Sabrina Stock (Anglistische Literaturwissenschaft, Universität Greifswald)

Ein Schwerpunkt meiner Masterarbeit mit dem Titel „The Representation of the West in Chinese English Literature: Occidental(ist) characters in Xiaolu Guo’s A Concise Chinese-English Dictionary for Lovers“ lag auf der verschiedenartigen Darstellung westlicher Männer im Gegensatz zu westlichen Frauen.


Guos Roman hat die Form eines Wörterbuches, das gleichzeitig Charakteristiken des Tagebuches und Briefes aufweist. Die Autorin kommt aus China und schreibt auf „Chinglish“, einem hybriden Englisch mit chinesischen Einflüssen. Die Ich-Erzählerin ist die Chinesin Z, die von ihren Eltern für ein Jahr nach London geschickt wird, um dort die englische Sprache zu erlernen. Im Zentrum des Romans stehen Zs Erfahrungen mit der fremden Kultur sowie ihrem britischen Liebhaber. Bei der Repräsentation westlicher Frauen in/aus der Stadt folgt Guo dem weit verbreiteten Klischee der modischen Blondine - vergleichbar mit dem Modern Girl (in Bezug auf Alys Eve Weinbaums The Modern Girl Around the World). So sind alle dargestellten westlichen Stadtfrauen z.B. stylisch gekleidet - werden dadurch allerdings auch als ununterscheidbar beschrieben:

Yes, one, two, three, four, five, six, seven, eight young womans.
All blonde, with shining long golden hair. They wear the same miniskirt, and the same tight silver tops look
just like bras.
[...] They look like giraffes from the same giraffe mother. (CED: 233f.)


Somit wird nicht nur das Stereotyp der nicht zu unterscheidenden Asiaten ins Gegenteil verkehrt, sondern gleichzeitig die Identität und Unabhängigkeit von gesellschaftlichen, patriarchalischen Erwartungen der westlichen Frau in Frage gestellt. Guo präsentiert außerdem eine nur aus Frauen bestehende Familie auf dem Land. Im Gegensatz zu den lediglich oberflächlich erscheinenden Stadtfrauen bekommen diese Landfrauen eigene Identitäten und Hintergrundgeschichten zugeschrieben, werden allerdings als eher männlich typisiert.


Feminisierungen spielen in Guos Darstellung des westlichen Mannes ebenfalls eine große Rolle. Der Adressat des Romans - männliche Hauptfigur und Liebhaber der Ich-Erzählerin - wird beispielsweise dem chinesischen Männlichkeitsideal widersprechend als Pflanzenfreund dargestellt. Damit wird nicht nur die Idee des maskulinen Okzidents bzw. des westlichen Mannes als Inbegriff der Männlichkeit hinterfragt, sondern auch, im Vergleich zu den o.g. Landfrauen, das soziale Geschlecht an sich. Dies wird noch verstärkt durch die Darstellung eines Transvestiten. Die Idee der Feminisierung des westlichen Mannes wird ein weiteres Mal in der Präsentation eines italienischen Mannes aufgegriffen. Gender wird hier folglich im Kontext eines von einer chinesisch-britischen Autorin verfassten Romans über den oft als maskulin bezeichneten und als solchen wahrgenommenen Okzident als Werkzeug zum Aufbrechen von Stereotypen genutzt.

Programm des Kolloquiums