Archiv-Ringvorlesung

Ringvorlesung im Wintersemester 2009/10

Greifswald regendered. Perspektiven der Geschlechterforschung

Die Ringvorlesung »Greifswald regendered – Perspektiven der Geschlechterforschung« präsentiert Studierenden und Kolleg*innen die Vielfalt der genderspezifischen Forschung, die an über zwölf Instituten der Universität Greifswald erfolgreich betrieben wird. Insgesamt 13 Vorträge geben einen Einblick in ein lebhaftes interdisziplinäres Forschungsfeld, das aus der Wissenschaft nicht mehr weg zu denken ist. 

Die Initiatorinnen, Hania Siebenpfeiffer (Institut für Deutsche Philologie, Vorstandsmitglied des IZfG) und Andrea Bettels (Wiss. Mitarbeiterin, IZfG), greifen mit der Vorlesung ein Thema auf, das zum Kernanliegen des IZfG zählt. Seit über zehn Jahren steht das IZfG für eine innovative und spannende Genderforschung an der Universität Greifswald und ist in seiner Form einzigartig in Mecklenburg-Vorpommern.


Ringvorlesung im Wintersemester 2010/11

Superwoman? Superman? Visionen vom optimierten Leben

Mit der Optimierung des Menschen nimmt die Ringvorlesung ein Thema der Lebenswissenschaften in den Blick, das längst kulturbestimmt ist. Unter dem Schlagwort ‚Enhancement‘ ist die Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit mit Hilfe pharmazeutischer und biotechnischer Mittel im Alltag angekommen: sich für Vorstellungsgespräche die Zähne zu ‚bleachen‘, ist mittlerweile genauso selbstverständlich wie die Einnahme von konzentrationsfördernden Mitteln im Schul-, Studien- und Arbeitsalltag; pro und contra einer genoptimierten Bevölkerungspolitik werden – wie jüngste Ausgaben von SPIEGEL und STERN zeigen – in der breiten Öffentlichkeit debattiert.

Dass die Vorstellung vom ‚perfekten‘ Menschen, die in diesen Optimierungstechniken zum Ausdruck kommt, nicht kultur- und geschlechtsunabhängig ist und kritisch diskutiert werden muss, ist die Ausgangshypothese der Ringvorlesung. Die Beiträge hinterfragen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven die lebenswissenschaftlichen Konzepte und gehen dabei vor allem der Bedeutung von Geschlecht in den Visionen vom optimierten Leben nach. 


Ringvorlesung im Wintersemester 2012/13

Gender und Diversity

Im Auftakt der Ringvorlesung geht es zunächst um eine Einführung in die Situation der Geschlechterforschung. Dabe geraten zwei Dinge in den Fokus: einerseits die Geschichte der Geschlechterforschung nach Judith Butlers "Gender Trouble", andererseits die Skepsis, die die Etablierung der Gender Studies innerhalb der Kulturtheorie (u.a. bei Terry Eagleton und Slavoj Žižek) hervorrief. Sodann werden verschiedene, oftmals mit dem Konzept Diversity verbundene Gleichstellungsstrategien der letzten Jahre kommentiert. Diese drei Rahmen – Geschichte der Geschlechterforschung, Kulturtheorie, Diversity als soziale Praxis – dienen schließlich zur Vorstellung der Vorträge innerhalb des Wintersemesters.

Hania Siebenpfeiffer, Prof. Dr. phil., ist Juniorprofessorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Greifswald. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Literatur-, Kultur- und Wissensgeschichte der Frühen Neuzeit; Text-Bild-Verhältnisse; Diskurstheorie/Diskursanalyse; Gewalt/Geschlecht/Kriminalität; Literatur und/als Wissen; Literatur/Kultur der Moderne.

Peter Pohl, Dr. phil., ist seit 2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Greifswald. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Geschlechtergeschichte und -theorie; Intermedialität; Literatur und Kultur des 18 bis 20. Jahrhunderts; Bildungsgeschichte; Romantheorie.

Der Vortrag fragt nach dem Platz von Männern und Männlichkeiten innerhalb einer mehrfach relational gedachten historischen Geschlechterforschung. Die ‚Männergeschichte‘ boomt und hat wertvolle Ergebnisse hervorgebracht, doch waren die Konsequenzen für die Geschlechtergeschichte insgesamt nicht nur positiv. Der Vortrag versucht, Bilanz zu ziehen und zugleich programmatische Ziele zu formulieren.

Olaf Stieglitz, Dr. phil. habil., ist Privatdozent am Historischen Institut der Universität zu Köln; er vertritt im WS 2012/13 die Professur für nordamerikanische Geschichte an der FU Berlin.

Sigmund Freuds Allegorisierung weiblicher Sexualität als ‚dark continent’ verweist auf die Konfluenz von Rasse/Primitivität und Gender/Weiblichkeit als konstitutive Ausschlüsse von Subjekt und Kultur der Moderne. Whiteness und Phallus werden zum Fetisch; Rasse und Weiblichkeit zum Vor-oder-Außerhalb; zum konstitutiven Außen – dem Unbewussten – dieses Subjekts. Die weiblich und rassisch codierte Triebhaftigkeit sucht das Subjekt jedoch heim und bringt das ‚Unbehagen in der Kultur’ hervor.

Eine postkolonial-poststrukturalistische Lesart der psychoanalytischen Subjekt(ivierungs)theorie verdeutlicht, welche Bemächtigungsgeschichten in ihrem Unbewussten gespeichert sind und wie Whiteness gegen das Erkennen des ‚Racial Contract’ immunisiert.

Martina Tißberger, Dr. phil., ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Pädagogik, Fachgruppe Migration und Bildung, an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

‚Hybridität‘, ‚Mimikry‘ und ‚Dritter Raum‘: Homi K. Bhabha hat als Mitglied der so genannten ‚holy trinitiy‘ der Postkolonialen Studien mit seinen schillernden Konzeptmetaphern weltweite Rezeption erfahren und neue Denkansätze für die Komplexität von kulturellen Verflechtungen und Kulturkontakten formuliert. Im Vortrag soll seine Theorie zunächst überblicksartig vorgestellt werden, um anschließend kritische Fragen nach der Gender-Affinität seines Denkens aufzuwerfen.

Karen Struve, Dr. phil., ist Postdoktorandin in der Romanistik und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen.

Seit ein paar Jahren boomt die Forschung zu Intersex, besonders in den Gender Studies. Aber haben intergeschlechtliche Menschen etwas davon? Die Vortragenden entwickeln Kriterien einer respektvollen Forschung und präsentieren erste Ergebnisse einer internationalen Studie zu den Folgen der Tabuisierung von Intergeschlechtlichkeit.

Ulrike Klöppel, Dr. phil., Humboldt-Universität Berlin, forscht u.a. zur Geschichte von Intersexualität und engagiert sich für die Organisation Intersex International (OII Germany).

Kai (Dan) Christian Ghattas, Dr. phil., ebenfalls OII, ist im Bereich Intergeschlechtlichkeit politisch sowie als Trainer und Forscher tätig.

Wer hat Angst vor dem bösen Cyborg? Die Antwort Ende 2012 lautet unweigerlich: kaum jemand. Die Brisanz von Donna Haraway Figuration technisch-biologischer Identität ist verjährt. Geblieben ist ihr analytisches Potential, das Zwischenspiel von Körper, Geschlecht und Technologie in der Gegenwart zu durchleuchten: von Bill Joys Nanodystopien über die Fruchtbarkeitsinszenierung der ‚Octomom‘ bis hin zu dem Sentimentalitätsspektakel, das Thomas Beatie aus der männlichen Schwangerschaft erschafft.

MaryAnn Snyder-Körber, Dr. phil., ist Wissenschaftliche Assistentin am John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin und Mitherausgeberin des 2012 erscheinenden Sammelbands „Machine: Bodies, Genders, Technologies“ (Heidelberg: Universitätsverlag Winter).

Wenn Lady Gaga ein Kleid aus Fleisch trägt und das Männermagazin Beef! auf seinem Cover einen Rinderkörper abbildet und mit dem Slogan wirbt „Das Schönste hat Gott schon immer aus Rippen erschaffen“, stellt sich nicht nur die Frage nach Geschlechterverhältnissen. Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit werden in diesen Beispielen in einer unmittelbaren Weise mit dem Tierischen, dem Animalischen konfrontiert. Der Vortrag fragt nach den Allianzen, die Gender und Animal Studies in der kultur- und literaturwissenschaftlichen Analyse eingehen können.

Julia Bodenburg, Dr. phil., ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut (Neuere deutsche Literatur) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Diversity-Konzepte existieren nicht als fix und fertige, sondern werden diskursiv oder auch narrativ erzeugt. Eine Vielfalt solcher Narrationen, oft verbunden mit unterschiedlichen Diskurspositionen, gibt es sowohl zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte von Diversity als auch zum Verständnis und zum Verhältnis von Gender und Diversity. Diese Deutungskämpfe um und zugleich Verfertigungen von Diversity als Konstrukt(e) und Konzept(e) sind Gegenstand des Vortrags.

Gertraude Krell, Dr. rer. pol., war bis zu ihrer Pensionierung Professorin für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Personalpolitik am Institut für Management der Freien Universität Berlin.

Der aktuelle Hype um Diversity hat sich über dessen Verbindung mit dem Management im betrieblichen Kontext etabliert. Mit welchen Diversity-Begriffen wird in Betrieben gearbeitet? Welche Strategien werden mit Diversity Management verfolgt? Inwiefern geht es dabei um das Verkünden von Firmenphilosophien, um bessere Chancen im Wettbewerb oder um Chancengerechtigkeit? Beispiele aus der Organisationskulturforschung geben Einblicke in konkrete Umsetzungen und deren Problemfelder. Sind die Diversity-Prozesse an Hochschulen damit vergleichbar?

Margrit E. Kaufmann, Dr. phil., ist Senior Researcher für Ethnologie und Kulturwissenschaft am Bremer Institut für Kulturforschung (bik) der Universität Bremen und wissenschaftliche Expertin für Diversity Studies/Management in und außerhalb der Universität Bremen.

Die von der Filmkritik zwiespältig aufgenommene US-Filmkomödie "Soul Man" (Regie: Steve Miner) erzählt die Geschichte eines weißen Hochschulabsolventen, der sich mithilfe von Bräunungspillen als Schwarzer ausgibt, um eines der begehrten Studienstipendien der Harvard Law School zu erhalten. Die Handlung geht lose auf einen Rechtsfall aus dem Jahr 1978 (Regents of the University of California vs. Bakke) zurück, in dessen Urteil der Supreme Court der Vereinigten Staaten die Diversität (in diesem Fall der Studierendenschaft) als Staatsinteresse festhielt und die Quotierung nach ehnischer Zugehörigkeit ausdrücklich billigte.
In den USA erhielt Soul Man mit der Präsidentschaftswahl von Barack Obama, der 1988 sein Studium an der Harvard Law School aufgenommen hatte, neue Beachtung. Dass die Debatte um ‚blackface‘ gut 25 Jahre später auch in Deutschland keineswegs historisch ist, zeigen die Auseinandersetzungen 2011 um das Stück "Ich bin nicht Rappaport" am Schlossparktheater Berlin und 2012 um Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers Stück "Unschuld" am Deutschen Theater in Berlin.

Hania Siebenpfeiffer und Peter Pohl (Greifswald)

Immer wieder wird bis heute auf eine angeblich hohe Beteiligung von Frauen in der RAF hingewiesen. Vor allem am bundesdeutschen Beispiel lässt sich zeigen, wie vehement die Ablehnung gegenüber der als Angriff gegen die Geschlechterordnung wahrgenommene Beteiligung von Frauen am bewaffneten Kampf ausfiel. So lässt sich sagen, dass über vergeschlechtlichte Zuschreibungen in den Massenmedien die Geschlechtergrenzen einmal mehr zu verteidigen gesucht wurden. Solche Zuschreibungen changierten zwischen den Polen der begehrenswerten Mädchen und der gescheiterten Mütter. Nicht zuletzt lassen sich hier auch Anschlüsse an ältere Feindbilder feststellen, wenn in den 1970er Jahren beispielsweise die Rede vom ‚Flintenweib‘ eine Konjunktur erlebt.

Hanno Balz, Dr. phil., ist Historiker und Kulturwissenschaftler in Bremen und schreibt gerade an seiner Habilitation. Zuletzt war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leuphana Universität Lüneburg. Im Herbst 2008 erschien von ihm im Campus Verlag: „Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat. Die öffentliche Debatte über die RAF in den siebziger Jahren“.


Ringvorlesung im Wintersemester 2013/14

(RE)TURN TO THE CLASSICS. Grundlagentexte der Geschlechterforschung wiederlesen

Mit der Vorstellung und Diskussion klassischer Aufsätze und Monographien der Gender Studies verfolgt die Ringvorlesung des IZFG im Wintersemester 2013/14 ein doppeltes Ziel: Zum einen sollen inzwischen kanonisch gewordene und ins Alltagswissen übergegangene Thesen aus verschiedenen Wissensfeldern der Frauen- und Geschlechterforschung in ihrem jeweiligen Entstehungszusammenhang präsentiert werden. Auf diese Weise gibt die Ringvorlesung vor allem für Einsteiger/innen und Studierende einen historischen Überblick über die Entwicklung der Geschlechterforschung seit der zweiten Frauenbewegung. Zum anderen soll mit der Betonung der Relektüre ein aktueller oder aktualisierender Blick auf die in ihrem Klassikerstatus womöglich auch einseitig kanonisierten Positionen geworfen werden.

Konzeption: Heide Vokening, Peter Pohl und Hania Siebenpfeiffer 

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

 

Barbara Vinken: Nicht Mann, nicht Frau, Mensch: Transzendiertes Geschlecht?

Eröffnungsvortrag, Dienstag 18 Uhr, Alfried Krupp Wissenschaftskolleg

Barbara Vinken, Prof. Dr., Ph.D., ist seit 2004 Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ausgewählte Publikationen: Angezogen: Das Geheimnis der Mode. Stuttgart 2013; Gustave Flaubert. A l’Orient du réalisme. Effet réel, effet oriental / Flauberts orientalischer Realismus, Trivium. Revue franco-allemande de sciences humaines et sociales 11 (2012), hg. mit Pierre-Marc de Biasi, trivium.revues.org ; Bestien. Kleist und die Deutschen, Berlin 2011; Flaubert. Durchkreuzte Moderne, Frankfurt/Main 2009; Die deutsche Mutter - Der lange Schatten eines Mythos, München 2001, überarbeitete 2. Ausgabe Frankfurt/Main 2007; Die nackte Wahrheit. Zur Pornographie und zur Rolle des Obszönen in der Gegenwart (Hg.), München 1997; Dekonstruktiver Feminismus - Literaturwissenschaft in Amerika (Hg.), Frankfurt/Main 1991.

Irene Erfen: Misogynes Baumaterial für die "Stadt der Frauen"

Irene Erfen, PD Akad. Oberrätin Dr.phil, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Ältere deutsche Sprache und Literatur an der Universität Greifswald. Ausgewählte Publikationen: Giovanni Boccaccio: De claris mulieribus/ Die großen Frauen. Lateinisch/ Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Irene Erfen u. Peter Schmitt. Stuttgart 1995; Fremdheit und Reisen im Mittelalter (Hg. mit Karl-Heinz Spieß). Stuttgart 1997; Schätze der Schwarzen Kunst. Wiegendrucke in Greifswald. Ausstellung und Buch: Irene Erfen unter Mitarbeit von Nadja Plöger u. Hendrik Wieck. Rostock 1997; " ...der Welt noch den Tannhäuser schuldig." Richard Wagner: Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf Wartburg (Hg. in Zusammenarbeit mit der Wartburg-Stiftung Eisenach). Regensburg 1999.

Sylvia Mieszkowski: Playful Politics - Virginia Woolfs spielerischer Feminismus

Sylvia Mieszkowski, PD Dr. phil., ist Associate Professor an der American University of Paris.

Ausgewählte Publikationen: Resonant Alterities: Sound, Desire and Anxiety in Non-Realist Fiction, Bielefeld 2013; Disturbing Bodies (Hg. mit Christine Vogt-William). Berlin 2008; Sonic Interventions (Hg. mit Joy Smith und Marijke de Valck). Amsterdam 2007; Gendered Academia. Wissenschaft und Geschlechterdifferenz 1890-1940 (Hg. mit Miriam Kauko und Alexandra Tischel). Göttingen 2005; Teasing Narratives: Europäische Verführungsgeschichten nach ihrem Goldenen Zeitalter. Berlin 2003.

Peter Pohl: La connerie du sexe

Peter Pohl, Dr. phil., ist seit 2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Greifswald. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Geschlechtergeschichte und -theorie; Intermedialität; Literatur und Kultur des 18 bis 20. Jahrhunderts; Bildungsgeschichte; Romantheorie. Seine Dissertation ist unter dem Titel "Konstruktive Melancholie. Robert Musils Roman `Der Mann ohne Eigenschaften` und die Grenzen des modernen Geschlechterdiskurses" bei Böhlau 2011 erschienen.

Alexandra Pölzlbauer: Abjekte Feuchtgebiete

Alexandra Pölzlbauer, Magister, MA, ist Ph.D. candidate in Germanic Languages and Literatures an der University of Illinois. Seit 2012 forscht und lehrt sie im Rahmen des gemeinsamen Austausch-Programms an der Universität Greifswald. Ihr Dissertationsprojekt hat den Titel "ZeitRäume schreiben Geschichte. Die Globalisierung der österreichischen Literatur im 21. Jahrhundert". Ausgewählte Publikationen: "Im Deutschunterricht hamma Deutsch? Vom Chancenreichtum im mehrsprachigen Klassenzimmer." Deutsch 5-10 (2010): 40-42; "Mehr (als) Deutsch." Theorie und Praxis. Österreichische Beiträge zu Deutsch als Fremdsprache. Schwerpunkt Mehrsprachigkeit und Sprachförderung Deutsch 14.2010 (2010).

Sabine Schülting: Postkoloniale Relektüren feministischer Literaturgeschichtsschreibung

Sabine Schülting, Prof. Dr. phil., ist Professorin für Cultural Studies am Institut für Englische Philologie der FU Berlin. Ausgewählte Publikationen: Early Modern Encounters with the Islamic East: Performing Cultures (Transculturalisms, 1400-1700), (Hg. mit Sabine Lucia Müller und Ralf Hertel). Farnham / Burlington 2012; Shylock nach dem Holocaust: Zur Geschichte einer Erinnerungsfigur (Hg. mit Zeno Ackermann). Berlin und New York 2011;, Geschlechter-Revisionen: Zur Zukunft von Feminismus und Gender Studies in den Kultur- und Literaturwissenschaften (Hg. mit Sabine L. Müller). Königstein 2006; Bi-Textualität: Inszenierungen des Paares (Hg. mit Annegret Heitmann, Sigrid Nieberle und Barbara Schaff). Berlin 2001; Wilde Frauen, fremde Welten: Kolonisierungsgeschichten aus Amerika. Reinbek bei Hamburg 1997;

Hania Siebenpfeiffer: Der gedoppelte Körper: Alexina/Abel Barbin und das Gesetz der Eindeutigkeit oder Hermaphrodismus als Provokation

Hania Siebenpfeiffer, Prof. Dr. phil., ist Juniorprofessorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Greifswald. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Literatur-, Kultur- und Wissensgeschichte der Frühen Neuzeit; Text-Bild-Verhältnisse; Diskurstheorie/Diskursanalyse; Gewalt/Geschlecht/Kriminalität; Literatur und/als Wissen; Literatur/Kultur der Moderne.

Michaela Melián: Künstlerinnen international

Michaela Melián wird im Rahmen der Ringvorlesung ihre Video-Arbeit SARAH SCHUMANN UND SILVIA BOVENSCHEN, 2012, 62 MIN präsentieren und diskutieren. Ausführliche Informationen dazu finden sich bei frieze: frieze-magazin.de/archiv/features/kuenstlerinnen-international/

 

Michaela Melián, Prof., ist Künstlerin, Musikerin und Professorin für Mixed Media / Akustik
 im Studienschwerpunkt »Zeitbezogene Medien« an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. 2010 wurde Melián mit dem renommierten Kunstpreis der Stadt München ausgezeichnet. Ebenfalls 2010 wurde ihr akustisches Denkmal »Memory Loops« für die Opfer des Nationalsozialismus in München eingeweiht, das von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Jahres 2010 gewählt wurde. Weitere Preise (Auswahl): 2011 Kunstpreis der Stadt Nordhorn; 2012 Grimme Online Award SPEZIAL für Memory Loops. Ausgewählte Ausstellungen der letzten Jahre: Home Less Home, Contemporary Art Museum on the Seam, Jerusalem (2010), The Dwelling, ACCA Melbourne, Australien; See the Sound, Lentos Museum Linz; Recollecting, MAK Wien; Made in Munich, Haus der Kunst München (alle 2009), Vertrautes Terrain, ZKM Karlsruhe; Art On Air, Museum Weserburg, Bremen; Pop Goes The Weasel, Kunstverein Karlsruhe
 (alle 2008); Talkshow, Tranzit Bratislava; Multispeak, Witte Zaal, Gent (2007).

 

Olaf Stieglitz: Hegemoniale Männlichkeit als Erfolgsmodell - auch für die Geschichtswissenschaft?

Olaf Stieglitz, PD Dr. phil., ist Privatdozent am Historischen Institut der Universität zu Köln. Ausgewählte Publikationen: What Can a Body Do? Praktiken und Figurationen des Körpers in den Kulturwissenschaften (Hg. mit Netzwerk Körper). Frankfurt a.M./New York 2012; Tiere im Film. Eine Menschheitsgeschichte der Moderne (Hg. mit Maren Möhring u. Massimo Perinelli). Köln u.a. 2009; Jürgen Martschukat u. Olaf Stieglitz, Geschichte der Männlichkeiten. Frankfurt a.M./New York 2008; Väter, Soldaten, Liebhaber: Männer und Männlichkeiten in der nordamerikanischen Geschichte. Ein Reader (Hg. mit Jürgen Martschukat). Bielefeld Verlag 2007; „Es ist ein Junge!“ Einführung in die Geschichte der Männlichkeiten in der Neuzeit (zusammen mit Jürgen Martschukat). Tübingen 2005; „100 Percent American Boys“: Disziplinierungsdiskurse und Ideologie im Civilian Conservation Corps, 1933-1942. Stuttgart 1999.

Eva Blome: Partiale Perspektiven und narrative Figurationen als Bedingungen einer besseren Wissenschaft – und Welt

Eva Blome, Prof. Dr. phil., ist Juniorprofessorin für Gender Studies an der Universität Greifswald. Ausgewählte Publikationen: Reinheit und Vermischung. Literarisch‐kulturelle Entwürfe von "Rasse" und Sexualität (1900‐ 1930), Köln/Weimar/Wien 2011; Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik: Von der Frauenförderung zum Gendermanagement? (zusammen mit Alexandra Erfmeier, Nina Gülcher, Kerstin Smasal, Sandra Smykalla), Wiesbaden 2005; erweitert und vollständig überarbeitet in 2. Auflage im Herbst 2013 unter dem Titel: Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik: Von der Frauenförderung zum Diversity Management?; "Koloniale Reinigungsarbeit", in: Nacim Ghanbari, Marcus Hahn (Hg.): Reinigungsarbeit. Zeitschrift für Kulturwissenschaft 1/2013, S. 95‐108.

 

Heide Volkening: Literatur ist queer

Heide Volkening, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich neuere deutsche Literatur der Universität Greifswald. Ausgewählte Publikationen: Am Rand der Autobiographie. Ghostwriting – Signatur – Geschlecht. Bielefeld 2006; (Hg.) Grenzüberschreibungen: "Feminismus" und "Cultural Studies" (Hg. mit Hanjo Berressem und Dagmar Buchwald). Bielefeld 2001; Working Girls. Zur Ökonomie von Liebe und Arbeit (Hg. mit Sabine Biebl und Verena Mund). Berlin 2008; "Charakter und Tugend. Über Lessings Emilia Galotti, die Hamburgische Dramaturgie und êthos bei Aristoteles". In: Andrea Bettels und Mariacarla Gadebusch Bondio (Hg.): Im Korsett der Tugenden. Moral und Geschlecht im kulturhistorischen Kontext. Hildesheim u.a. 2013, 237-261.

Hilge Landweer: Materialisierter Körper – verletzbarer Leib? Eine phänomenologische Kritik

Hilge Landweer, Prof. Dr. phil., ist Professorin für Phänomenologie, Ethik und interdisziplinäre Geschlechterforschung am Institut für Philosophie der FU Berlin. Ausgewählte Publikationen: (Hg. mit Catherine Newmark, Simone Miller, Christine Kley): Philosophie und die Potenziale der Gender Studies. Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie, Bielefeld 2012; (Hg. mit Ursula Renz): Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein, Berlin 2012; (zusammen mit Christoph Demmerling): Philosophie der Gefühle. Von "Achtung" bis "Zorn", Stuttgart 2007; (Hg. mit Pia Schmid und Anna Maria Stuby): Männlichkeiten, Weinheim 2000; Scham und Macht. Phänomenologische Untersuchungen zur Sozialität eines Gefühls, Tübingen 1999; Das Märtyrerinnenmodell. Zur diskursiven Erzeugung weiblicher Identität, Pfaffenweiler 1990.

Sabine Hark: Der heterosexuelle Kontrakt revisited

Sabine Hark, Prof. Dr., ist Professorin für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin. Ausgewählte Publikationen: Angela McRobbie: Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes (Hg. mit Paula-Irene Villa). Wiesbaden 2010; Transformationen von Wissen, Mensch und Geschlecht. Transdisziplinäre Interventionen (Hg. mit Irene Dölling, Dorothea Dornhof, Karin Esders, Corinna Genschel). Königstein/Taunus 2007; Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus. Frankfurt am Main 2005; Neue Chancen – alte Zwänge? Zwischen Heteronormativität und posttraditionaler Vergesellschaftung. Zur sozialen und psychischen Situation lesbischer Mädchen und schwuler Jungen in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 2000; Queering Demokratie. Sexuelle Politiken (Hg. mit Nico Beger, Antke Engel, Corinna Genschel, Eva Schäfer). Berlin 2000; deviante Subjekte. Die paradoxe Politik der Identität. Opladen 1996, 2., völlig überarbeitete Neuauflage 1999.

 

Annett Busch: Ich sehe was, was Du nicht siehst: Wie aus Bewegtbildern Begriffe werden (oder eben nicht). "Visuelle Lust und narratives Kino" mit Hilfe von Frieda Grafe auf die Couch gelegt. Eine Analyseversuch mit Filmausschnitten.

Annett Busch ist freie Autorin, Kuratorin und Übersetzerin. Ausgewählte Aktivitäten als Kuratorin: Of a People who are missing - Exhibition and ciné-club on films by Danièle Huillet and Jean-Marie Straub, Extra City Antwerpen, Nov-Dez 2009 (zusammen mit Florian Schneider). After Year Zero - Geographien der Kollaboration nach 1945, Ausstellung und Konferenz, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Sept-Dez 2013 (zusammen mit Anselm Franke). Frieda Grafe - 30 Filme, Filmreihe im Arsenal - Institut für Film und Videokunst (zusammen mit Max Annas und Henriette Gunkel). Ausgewählte Publikationen: "Frieda Grafe", in: Camera Austria 83, Graz 2003; Ousmane Sembene: Interviews (Conversations with Filmmakers)(Hg. mit Max Annas), Jackson 2008; "Choréographie de la langue", in: Africultures n76 - Sembène Ousmane (1923-2007), Paris 2009; "Inner Voice Over", in: Die Kunst der Migration, Bielefeld 2011; "Form und Warenförmigkeit - Die Filme von Robert Bramkamp", in: Geld und Kino - Arnoldshainer Filmgespräche 27, Marburg 2011; "Michael Mrakitsch", in Camera Austria 116, Graz 2011; "The Open Field - Some notes on the figure of walking in African film", in: Shoe Shop, Johannesburg 2012;, Frieda Grafe - 30 Filme (Hg mit Max Annas und Henriette Gunkel), Heft 1-3, Berlin 2013.


Ringvorlesung im Wintersemester 2015/16

Konsum und Geschlecht

Ist Konsum weiblich? Warum verkaufen Blondinen besser? Und welche Konsumpraktiken gelten als männlich und warum? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich die Ringvorlesung des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG) im Wintersemester. Analysiert werden Zusammenhänge von Geschlecht und Konsum mit Blick auf gesellschaftliche Praktiken, kulturelle Muster und Stereotype sowie literarische, künstlerische und mediale Inszenierungen des Konsumierens. Dabei sollen sowohl Agenten und Akteure, als auch Konsumgüter und - räume hinsichtlich ihrer geschlechtlichen Markierungen thematisiert werden. Im Mittelpunkt der geplanten Ringvorlesung stehen mithin zwei gegenläufige Perspektivierungen von Gender und Konsum: Zum einen die Frage nach dem Gendering von Konsumkultur und Warenästhetik, zum anderen die Analyse von Gender als einem Konsumgut, das in den verschiedenen Konjunkturen der Geschlechtertheoriebildung auf den Markt geworfen, verbraucht und recycled wird. Expert_innen aus den Bereichen Kulturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Kunstwissenschaft, Design sowie Literatur- und Medienwissenschaft präsentieren ihre Forschungsergebnisse zum Konsumieren von Büchern, Filmen, Gender, Autos, Mode, Pop-Musik und anderem.

Konzeption: Eva Blome, Maren Lickhardt und Heide Volkening

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

Christina von Braun (Berlin)
Das Konsumobjekt und seine Ästhetik entstanden nicht erst mit dem Industriezeitalter, sondern haben eine Geschichte, die mindestens so alt ist wie das Geld, für das sie – in der einen oder anderen Weise – immer gestanden haben und weiterhin stehen: Dienten sie einerseits dazu, bestehende hohe Werte wie Macht oder Eigentum zu repräsentieren, so verlagerte sich ihre Rolle mit dem Industriezeitalter darauf, die produktive Kraft des Geldes zu zelebrieren. In beiden Fällen spielen Sexualität und Geschlechterrollen eine wichtige Rolle. Dieser Zusammenhang soll an der Geschichte des wichtigsten Konsumobjekts schlechthin dargestellt werden: dem Schmuck. Wie das Geld entstammt er ursprünglich aus religiösen Zusammenhängen: Opferkult und Fruchtbarkeit, die beide geschlechtliche Dimensionen haben. Und wie das Geld durchlief der Schmuck einen Prozess der zunehmenden materiellen Entwertung. Am Ende blieb nur noch der ‚schöne Schein‘ – ein Prozess, der sich auch in der Geschichte der Geschlechterrollen widerspiegelt.

Der Eröffnungsvortrag findet am 13.10.15 um 18.30 Uhr im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg statt.

Thomas Hecken (Siegen)
Der Vortrag stellt verschiedene historische und gegenwärtige Praktiken und Auffassungen vor, den Konsum in der Sphäre des Weiblichen anzusiedeln. Dazu sollen sowohl theoretische, abstrakte Überlegungen aus Wissenschaften und Feuilleton als auch Beispiele aus dem popkulturellen Bereich herangezogen werden.

Eva Blome, Maren Lickhardt, Heide Volkening (Greifswald)

Die Vorlesung stellt Grundlinien des Verhältnisses von Geschlecht und Konsum im zwanzigsten Jahrhundert vor und führt auf diese Weise in Fragestellung und Ablauf der Ringvorlesung ein. Galt Konsumieren bereits vor 1900 als eine spezifisch weiblich konnotierte Tätigkeit, so stellt sich in den 1920er Jahren mit Blick auf die Neue Frau die Frage, ob Konsum Partizipation ermöglicht und in gewisser Weise befreit, oder ob er zu neuerlichen Begrenzungen – auch für Männer – führt. Ab den 1950er Jahren entwickeln sich mit der Blockbildung der Nachkriegszeit neue Perspektiven auf politische und kulturelle Dimensionen des Konsumierens: Der Aufwertung von Konsum in der Populärkultur stehen kulturkritische Ablehnungen genauso gegenüber wie die affirmativen soziologischen Analysen der Cultural Studies. Und wie stellt sich das Verhältnis von Konsum und Geschlecht heute dar? Aktuelle Ansätze sehen die neuen post-feministischen Tops Girls als Produkte einer Konsumkultur an, die die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit von Frauen lediglich vordergründig ausstellt, letztlich aber neue normative Weiblichkeitsbilder und Abhängigkeiten schafft. Diese und weitere Positionen werden zu diskutieren sein.

Annette Keck (München)

Dass sich die bundesrepublikanische Unterhaltungslandschaft der 1950er Jahre durch ein gerüttelt Maß an ‚Gender Trouble’ auszeichnen soll, verwundert anlässlich des oft wiederholten Vorwurfs, der Film der 50er Jahre weise deutlich restaurative wenn nicht gar reaktionäre Tendenzen auf. Gegen dieses (Vor-)Urteil will der Vortrag zeigen, dass und wie in Film und Werbung der Zeit Spielräume des Gender Trouble qua Konsum eröffnet wie auch geschlossen werden.

Eckhard Schumacher (Greifswald)

In der aktuellen Theoriegeschichtsschreibung der 1970er Jahre, die sich auf den Merve Verlag in Berlin und die Intellektuellenszene in Paris fokussiert, wird das Lesen von Theorie von verschiedenen Seiten aus als ein „wildes Lesen“ rekonstruiert, das respektlos und anarchisch vorgeht, sich nicht an vorgegebene Normen und Konventionen hält. Wenn der Leser dabei als aktiver „Produzent“ (und nicht als passiver „Konsument“), als „Abenteurer“ und zudem als „Partisan“ begriffen wird, ergeben sich bemerkenswerte Verknüpfungen zwischen Lektürepraktiken, Konsumkonzepten und Geschlechterrollen bzw. Geschlechterstereotypen, die der Vortrag in der Rekonstruktion einschlägiger Lektüreszenen genauer konturieren wird. Bemerkenswert sind diese Verknüpfungen nicht zuletzt vor dem historischen Hintergrund der Lesesucht-Debatten aus dem 18. Jahrhundert, in denen auch schon ein „wildes Lesen“ ausgemacht wurde, das in vielen Hinsichten vergleichbar erscheint – allerdings zunächst nicht dem theorieaffinen „Leser als Partisan“ anerkennend zugeschrieben, sondern als pathologisches Problem der romanlesenden „Frauenzimmer“ identifiziert wurde.

Ralph Poole (Salzburg)

Hollywoodfilme haben immer ihre eigenen Vermarktungsstrategien reflektiert, oftmals mit kritischen Untertönen. Dies gilt auch und besonders für die 50er Jahre. Hier findet allerdings ein Wechsel hin zu einem zunehmend selbstreflexiv-ironischen Ton statt. Das zeigt das wachsende Bewusstsein des Einflusses von Marktinteressen auf das Publikum, aber auch und durchaus widersprüchlich wird hier ein vorläufig letzter Höhepunkt – vor den feministischen Bewegungen der 60er Jahre und dem New Hollywood – in der stereotypen Darstellung von Geschlechterdifferenz im Hollywoodfilm erreicht. Vor allen Dingen will Hollywood „die Frau“ vermarkten und es tut dies oftmals durch das Stereotyp der „oversexed dumb blonde bombshell“ (wie Jayne Mansfield in Will Success Spoil Rock Hunter?), aber auch der „undersexed homely housewife“ (besonders die Sexkomödien mit Doris Day). Die Filme, allesamt Komödien, die diskutiert werden sollen, zeigen Karrierefrauen, die alles tun, um sich selbst zu vermarkten, die Frage wird sein, inwiefern diesen funny ones noch eine Autonomie ihres Handels zugestanden wird oder ob sie zu bloßen Objekten des Verlachens degradiert werden. Es wird sich zeigen, dass mit diesen Filmen eine Ära der starken Komödiantinnen zu Ende geht und ihre aufmüpfigen Stimmen – paradigmatisch die Beispiele von Judy Holliday in Born Yesterday und Jean Hagen in Singin‘ in the Rain – pädagogisierend gezähmt, grotesk verzerrt oder gar gänzlich zum Verstummen gelangen.

Jenny Linek (Greifswald)

Tabakkonsum war im 19. Jahrhundert ein rein männliches Privileg und wurde noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit Männlichkeit assoziiert. Nach 1945 avancierte die Zigarette im westlichen Teil Deutschlands zum Symbol des Sieges und zum Genussmittel Nr. 1, dem sich auch immer mehr Frauen zuwandten. Doch wie verhielt sich die Situation im Osten Deutschlands, wo die Regierung wesentlich stärker normativ Einfluss auf das Verhalten der Bevölkerung genommen hat? Wie wurde der Konsum von Genussmitteln hier eingestuft und wurde dabei geschlechterspezifisch argumentiert? Der Vortrag wird die Genussmittelgewohnheiten der Frauen und Männer in der DDR in der Zeit von Ende der 1950er bis Anfang der 1980er Jahre beleuchten und diese in den gesundheitspolitischen und gesundheitserzieherischen Diskurs einordnen. Die dabei aufgeworfenen Fragen nach dem geschlechterspezifischen Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Tabak und auch mit Alkohol sowie nach den Folgen des Konsums dieser Genusswaren werden anhand von Eingaben sowie Dokumenten der DDR-Gesundheitsverwaltung beantwortet.

Monika Schneikart (Greifswald)

Der Topos von der weiblichen Verschwendung(ssucht) begegnet uns bereits vor 400 Jahren. So wurde der Wolgaster Herzoginwitwe Sophia Hedwig um 1600 nachgesagt, sie habe anlässlich der Vermählung ihrer Tochter Elisabeth Magdalena über alle Maßen „,[…] jubiliren, kramern und dem gesindlein den beutel bespickt“. Dass sie zahlreiche Wirtschaftsunternehmen gründete, bleibt dagegen in der zitierten literarischen Quelle unerwähnt. Mit diesem und weiteren Beispielen befinden wir uns in der Vorgeschichte des Konsums, die in dem Vortrag in einigen Aspekten gekennzeichnet werden soll. Der Diskurs um „Sparsamkeit“, „Verschwendung“, „Luxus“, um Prinzipien des Wirtschaftens und um soziale Ordnungsmodelle wird dabei nicht nur in Beziehung gesetzt zum vormodernen, vorindustriellen Wirtschaftskonzept, sondern auch zu modernen Zügen der Konsumkultur, um diese historisch einzuordnen. Die Textbefunde stammen größtenteils aus regionalen literarischen Quellen wie städtischen Gelegenheitsgedichten, hochadeligen Briefen und Hauschroniken.

 

Franziska Bergmann (Trier)

Der Vortrag liest den Theatertext Mother Clap’s Molly House (2001) des zeitgenössischen britischen Dramatikers Mark Ravenhill vor dem Hintergrund einer jüngeren queer-theoretischen Debatte, die danach fragt, in welchem Zusammenhang flexibilisierte Geschlechtermodelle und neoliberale Ökonomien stehen. Stellt der Neoliberalismus eine radikalisierte kapitalistische Wirtschaftsordnung dar, zu deren Leitbildern Individualität, Kreativität, Selbstverwirklichung, Flexibilität und Autonomie zählen, so geht es in vielen queer-theoretischen Studien darum zu untersuchen, ob sich diese Ideale auch in neuartigen Geschlechterarrangements widerspiegeln, die mitnichten der heterosexuellen Norm zu entsprechen scheinen. Die Analyse von Mother Clap’s Molly House zeigt, dass Ravenhill die zunehmende Anerkennung schwulen Begehrens in westlichen Industrienationen in unmittelbarem Zusammenhang mit den Interessen des neoliberalen Marktes sieht. Wie das Stück suggeriert, haben sich homosexuelle Männer deshalb verstärkt in die Mitte der Gesellschaft integrieren können, weil sie einer neuartigen Anrufung als kaufkräftige, konsumorientierte Subjekte folgen. Im Kontext einer Ökonomie, für die Andersartigkeit und Differenz eine profitable Ressource darstellen, führt Ravenhill mannmännliche Sexualität als ein Begehren vor, das seinen emanzipatorischen Gestus längst eingebüßt und indessen warenförmigen Charakter angenommen hat.

 

Antonia Wagner (Karlsruhe)

Häufig werden Fragen nach der Kunst als Konsumgut zentral, sobald das Verhältnis von Kunst und Konsum untersucht wird, der Konsum als zentraler Bestandteil der Alltagskultur hingegen wird seltener in den Blick genommen. Aus feministischer Perspektive jedoch haben Künstlerinnen seit den 1960er Jahren das Verhältnis von Konsum und Emanzipation stets neu thematisiert. Aus einer kunstwissenschaftlichen Betrachtung dieser kontinuierlichen Neuverhandlungen resultieren in Auseinandersetzung mit den Theorien des Neuen Materialismus (u.a. Karen Barad) die folgenden Forschungsfragen: Normieren Konsumobjekte den weiblichen Körper oder können differenzielle Handlungen mit Konsumobjekten in ausgesuchten Kunstwerken auch widerständigen Charakter haben? Und welche Rolle hat dabei das materiell-diskursive Verhältnis von Konsumobjekten und weiblichen Körpern? Ich möchte aufzeigen, inwiefern das Konsumieren als Praxis der Aneignung, des käuflichen Erwerbs, des Verzehrs und des Ereignisses aus feministischer Perspektive Anlass zur Kritik an patriarchalischen Lebensverhältnissen gegeben hat und weiterhin gibt.

Anna Tikhomirova (Bielefeld)

“Frau als Konsumentin” in der spätsowjetischen Massenkonsumkultur steht im Mittelpunkt meiner Vorlesung. Ihr Konsumhabitus zeichnete sich, einerseits, durch den spezifischen spätsowjetischen Materialismus (an erster Stelle in der Hierarchie symbolisch bedeutsamer Kleidung stand zweifellos importierte bzw. westliche Kleidung, die sehr teuer und schwer zugänglich war; gefolgt von den selbst genähten Kleidungsstücken). Andererseits gehörten politisch legitime “Bescheidenheit”, “Rationalität” und “Funktionalität” zu kollektiv geteilten Dispositionen des “guten Geschmacks” der sowjetischen Frauen (trotz der Tatsache, dass die sowjetische Konfektion kaum mit “modischer Aktualität” assoziiert wurde). Wann und wie haben diese Kleidungskonsumpraktiken zur Konstruktion der Geschlechtsidentität der spätsowjetischen Frauen beigetragen? Wann und wie hat die schon bestehende weibliche Gender-Identität die Kleidungskonsumpraktiken beeinflusst? Inwieweit stimmten Diskurse und Praktiken der “Frau als Konsumentin” mit den Diskursen und Praktiken der “Frau als Produzentin” überein? Was kann dabei als “spätsowjetisch” bzw. als “staatssozialistisch” interpretiert werden kann, was war generell typisch für die Massenkonsumgesellschaften?

Christian Huck (Kiel)

Autos, so spitzt Peter Sloterdijk zu, sind zugleich rollende Mutterleiber, in denen wir uns Fötus-gleich geschützt fühlen können, und eine mobile Waffe für unseren inneren Rambo. Autos bieten Sicherheit im öffentlichen Raum und ermöglichen den Angriff aufs Unbekannte, offerieren Geborgenheit und Abenteuer zu gleichen Teilen. Wie kaum ein anderes Konsumgut partizipiert das Automobil damit an beiden Sphären der geschlechtlichen Zuordnungen. Doch wer soll das Auto dann kaufen? Der (männliche) Abenteurer, auf die Gefahr der Verweiblichung hin? Die (weibliche) Schutzsuchende, auf die Gefahr der Vermännlichung hin? Und wer darf überhaupt konsumieren: die mangelbehaftete Schutzbedürftige oder der begehrende Neugierige? Anhand von graphischer Werbung und erzählenden Texten der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts soll in diesem Vortrag dargestellt werden, wie die verquere Stellung des Automobils einerseits zu Versuchen geführt hat, das im Diskurs getrennte imaginär zusammen zu führen, und andererseits dazu, das offensichtlich Verbunde der symbolischen Ordnung gemäß auseinanderzudividieren.

Birgit Weller (Berlin)

Unsere Gesellschaft versucht seit Jahrzehnten eine größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herzustellen. Selbstverständlich wehren wir uns im privaten und beruflichen Umfeld gegen Geschlechterklischees und versuchen unsere Kinder möglichst genderneutral zu erziehen. Doch diesem Ziel wirkt die Gestaltung und Vermarktung von Konsumprodukten durch immer stärker klischeehafte stereotype Gender Codes entgegen. Die „heimlichen” Erzieher wie Werbung, Castingshows oder das Design der Produkte basieren auf schockierend tradierten Rollenbildern. Mit der zunehmenden Produktdiversifizierung und Unübersichtlichkeit des Angebotes akzeptieren wir fast hilflos die Geschlechterzuordnungen der Konsumwelt. Die Gestaltung der Produkte lässt uns oft unfreiwillig in stereotypische Verhaltensweisen schlüpfen. Unsere Konsumwelt glitzert rosa oder schimmert blaumetallisch und die KonsumentInnen folgen den Marketingverführungen blind. Für den Designprozess ist die Beantwortung folgender Fragen interessant: Warum dulden wir diese Rollenbilder im Konsumbereich? Fehlt uns die Sensibilität? Gibt es alternative Produkte? Wann sind geschlechterspezifische Produkte sinnvoll? Wie können Designerinnen und Designer Entwicklungsprozess und die Ausrichtung eines Produktes beeinflussen?

27.01.2016 - Abschlusspodium: Zwischen Kritik und subversiver Praxis? Konsum aus Perspektive der Gender Studies

Eva Blome, Maren Lickhardt, Peter Pohl (Greifswald)

Die Abschlussveranstaltung der IZfG-Ringvorlesung wird von Eva Blome, Maren Lickhardt und Peter Pohl bestritten und resümiert mit Blick auf die gehaltenen Vorträge in Form einer Podiumsdiskussion Erkenntnisse, offene Punkte und streitbare Positionen rund um das Thema Konsum und Geschlecht. Inwiefern Geschlechterordnungen durch Praktiken des Konsumierens konstituiert oder aber auch subversiv unterlaufen werden können, wird dabei eine entscheidende Frage sein.


Ringvorlesung im Wintersemester 2018/2019

Flucht darstellen. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Gender und Migration

Die diesjährige Ringvorlesung des IZfG widmet sich der Frage, wie Codierungen von Geschlecht in sprachlichen, literarischen und visuellen Darstellungen von Flucht und Geflüchteten zum Tragen kommen. In welchen Praktiken, Medien und Repräsentationsformen wird „den Flüchtlingen“ ein Geschlecht zugeschrieben? Wie reagieren Theater und Literatur auf solche Diskursmuster und auf den Fluchtalltag? Die 14-tägig stattfindenden Vorlesungen folgen diesen Fragen in historischer Breite, vom ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart, und aus verschiedenen disziplinären Perspektiven. Dabei geht es nicht zuletzt darum, die aktuellen Fluchtdiskurse und deren kulturelle Modellierungen in der globalen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu kontextualisieren.

Eröffnungsvortrag zur Ringvorlesung im Rahmen des Kooperationsjahres 2018 zwischen dem Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZfG) und dem Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Doerte Bischoff (Hamburg): Das Exil erinnern: Überlegungen aus Gender-Perspektive
Die Aktualität von Flucht und Vertreibung hat zumal in deutschsprachigen Kontexten vielfach dazu veranlasst, an das historische Exil seit 1933 zu erinnern. Dabei stellt sich die Frage, wie diese Erinnerung gerahmt und perspektiviert wird: Welche Akteure und Repräsentanten des Exils kommen in den Blick? Welche Vorstellungen von Heimat und Zugehörigkeit werden aktualisiert? These des Vortrags ist, dass gerade durch die Fokussierung von Gender-Konstellationen traditionelle Gemeinschaftskonzepte problematisiert werden. Indem sie diese Perspektive einnehmen, eröffnen literarische Texte (bzw. Filme) der Gegenwart auch einen neuen Blick auf historische Exildokumente.

Doerte Bischoff ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg, wo sie auch die Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur leitet. Sie ist (Mit-)Herausgeberin des Internationalen Jahrbuchs Exilforschung und hat hier die Bände Sprache(n) im Exil (2014), Dinge des Exils (2014) sowie Ausgeschlossen. Staatsbürgerschaft, Staatenlose und Exil (2018) mit konzipiert. Weitere Publikationen im Bereich Exilforschung: Exil – Literatur – Judentum (München 2016); Literatur und Exil. Neue Perspektiven (Berlin 2013).

Moderation: Heide Volkening

Julia Prager (Dresden): Blöße-Geben. Re-Inszenierungen von Scham im transkulturellen Theater
Die Scham ist die Grundgeste des Theaters: Denn das Theater gründet auf jenem exponierenden Schritt, den der Einzelne tut, wenn er aus dem Chor, dem Kollektiv, hervortritt und sich den Blicken der anderen aussetzt. Gleichzeitig lässt sich diese Bewegung nicht von einer merkwürdigen Doppeldeutigkeit lösen, insofern das Hervortreten immer auch einer Überhöhung des Selbst über jene anderen gleichkommt. Auf diese Weise wird das Theater zum Spielort von Scham, wo Grenzverschiebungen zwischen Beschämen und Bloßstellen permanent statthaben. In dieser prekären Situation des gegenseitigen Ausgesetztseins, das die Spielenden ebenso wie die Schauenden, auch das Publikum, einschließt, entfaltet sich das ethisch-politische Spiel des transkulturellen Theaters (Heeg), das den Grenzverkehr selbst in Szene setzt und dabei unerwartete Relationen zwischen den Teilhabenden herstellt – so fremd sie sich in Bezug auf kulturelle, geschlechtliche, religiöse etc. Zuschreibungen auch sein mögen.
Am Beispiel aktueller Theatertexte und Inszenierungen möchte der Vortrag dieses Spiel mit der Scham und das damit verbundene ethisch-politische Potential ihrer Re-Inszenierung vorstellen. Dabei wird insbesondere die Relation von Fremd-Sein und geschlechtlicher Codierung im Kontext von Darstellungsweisen von Fliehenden und kulturell Anderen in den Blick kommen. Beispielsweise soll danach gefragt werden, wie Jelineks Schutzbefohlenen-Texte und ihre Inszenierungen das Spiel mit der Scham vorantreiben, wenn sie u.a. über das schamlose Ausstellen der Monatsblutung fliehender Frauen das scheinbar unbeteiligte Schauen im Verfolgen von Nachrichtensendungen zum Theater der Beteiligung im Sinne einer unhintergehbaren Relationalität umcodieren.

Julia Prager arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin (OTPP) am Lehrstuhl für Medienwissenschaft und Neuere deutsche Literatur an der Technischen Universität Dresden. 2013 erschien ihre Studie Frames of Critique. Kulturwissenschaftliche Handlungsfähigkeit ›nach‹ Judith Butler bei Nomos in Baden-Baden.

Maud Meyzaud (Frankfurt/M.): Räume der Entrechtung. Salcedo, Schlingensief und das Problem der Staatenlosen
Von Hannah Arendts bahnbrechenden Ausführungen in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ist der Befund zu datieren, dass die Lage der Flüchtlinge weniger temporär krisenhaft denn fester Bestandteil der modernen politischen Raumordnung Europas ist. Arendt analysiert dort, wie die Nationalstaatlichkeit den Flüchtling – den Staatenlosen – als Figur des Ausschlusses regelrecht produziert. Beide künstlerischen Arbeiten, die im Vortrag thematisiert werden – Christoph Schlingensiefs inzwischen geradezu kanonische Aktion Bitte liebt Österreich (2000) vor der Wiener Staatsoper, Doris Salcedos Installation Schibboleth (2007-2008) in der Tate Modern –, befragen kritisch diese politische Raumordnung auf das demokratische Versprechen uneingeschränkten Einschlusses hin, das derart systematisch verfehlt wird. Zwar werden in beiden Fällen aus theoretisch zwingenden Gründen – aufgrund der von Arendt analysierten Aporie, die am Menschenrecht haftet, – zunächst Flüchtlinge als absolut Rechtlose, frei von Geschlechterdifferenz, Klassenzugehörigkeit, Alter angesprochen. Beim näheren Hinblicken der jeweiligen künstlerischen Dispositive ergibt sich jedoch ein Zugang zur Kodierung von Geschlecht: Analysiert werden zum einen Elfriede Jelineks poetische Zusammenarbeit mit den Bewohnern des Containers im Rahmen von Schlingensiefs Aktion, zum anderen der politische Eingriff von Salcedos Kunstinstallation in die Mechanismen einer (männlich-) westlichen Kunstinstitution und ihrer modernen Mäzene.

Maud Meyzaud ist Literaturwissenschaftlerin und habilitiert sie sich zur Zeit an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. mit einem Projekt zur Genese der Romantheorie aus dem Dialog um 1800. Jüngste Veröffentlichungen u.a.: „Baudelaire and the Literary Fabrication of the Poor““, in: SubStance 146, vol. 47, No. 2, 2018, S. 156-174; (Hg.; mit Rüdiger Dannemann und Philipp Weber): Hundert Jahre „transzendentale Obdachlosigkeit“. Georg Lukács’ Theorie des Romans neu gelesen. Bielefeld: Aisthesis (im Druck); „Das unsichtbare Denkmal. Über ‚So Little Time‘ von Rabih Mroué“, in: Monika Schmitz-Emans et al. (Hg.), Das Unsichtbare. Essen: Die blaue Eule 2018, S. 90-107.

Tanja Maier (Bremen):Un/Sichtbarmachung von Körpern und Grenzen in medialen Fluchtdiskursen
Die öffentliche Sichtbarkeit von Geflüchteten, von Fluchtbewegungen und von Grenzen ist offensichtlich über visuelle Medien vermittelt. Der Vortrag diskutiert visuelle Praktiken und Politiken der Sichtbarmachung von Körpern und Grenzen in aktuellen Mediendiskursen über Flucht und Migration. Im Vortrag wird zunächst das ästhetische und politische Konzept der Sichtbarkeit vorgestellt, dem in der Medienforschung als auch in den Gender und Queer Studies eine wichtige Bedeutung zukommt. Die Politiken der medialen Sichtbarmachung von Körpern, Grenzen und Fluchterfahrungen werden daran anschließend anhand von unterschiedlichem Bildmaterial diskutiert: der journalistischen Berichterstattung von deutschen Printmedien und Dokumentarfilmen, die auf Handyaufnahmen von Geflüchteten beruhen. Zentral ist die Frage, wie durch visuelle Praktiken spezifische Sichtweisen auf Flucht erzeugt werden, die wiederum mit Zuschreibungen von Geschlecht, Sexualität, Ethnizität und Religion verbunden sind.

Tanja Maier ist Vertretungsprofessorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt vergleichende Kulturanalyse am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) sowie am Institut für historische Publizistik-, Kommunikations- und Medienwissenschaft (IPKM) der Universität Bremen. Aktuelle Forschungsschwerpunkte: Gender Media Studies, Cultural Studies, visuelle Kultur und Kommunikation und digitale Medien.

Christiane Rösinger (Berlin): Zukunft machen wir später (Lesung und Gespräch)
„Es war 2015, der Spät-Summer-of-Love, alle wollten helfen, die Kanzlerin zeigte ein menschliches Gesicht, die Geflüchteten wurden noch mit Applaus auf den Bahnhöfen empfangen“, erinnert sich Christiane Rösinger zu Beginn ihres langen Essays Zukunft machen wir später. Meine Deutschstunden mit Geflüchteten von 2017. In 14 als Lektionen betitelten Kapiteln erzählt Rösinger von ihrer Tätigkeit als DaZ-Lehrerin in einer Kreuzberger Initiative, von Begegnungen mit Geflüchteten, pensionierten Lehrern und Wilmersdorfer Witwen, von den Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und der Macht der Musik und dabei immer auch von der eigenen Situation prekärer (Kreativ-)Arbeit als Musikerin, Autorin und Lehrerin.
Christiane Rösinger wird ausgewählte Passagen ihres Buches lesen und darüber sprechen, wie sich in der Situation zwischen lehrenden deutschen Staatsbürger*innen und lernenden Geflüchteten ein ganzes Netz kultureller Erwartungen und Wahrnehmungen bildet, in dem auch Fragen der Geschlechterdifferenz immer wieder relevant werden.

Christiane Rösinger ist Autorin, Musikerin und Sprachlehrerin. 2017 erschien ihr Buch Zukunft machen wir später. Meine Deutschstunden mit Geflüchteten im Fischer-Verlag, aus dem sie lesen und über das sie sprechen wird.

Annett Busch (Trondheim): Vor den Verhältnissen – Wie lässt sich schreiben an Zohra Drif, Algerien? Ein Brief von Hélène Cixous
Hélène Cixous schreibt, nicht einen Brief, den sie nie geschrieben hat, an Zohra Drif. Der nicht geschriebene Brief ist Anlass eines Schreibens, das seine Form in der Schwebe hält. Fakten aufruft und Erinnerungen. Zohra Drif ist Anwältin im Ruhestand in Algier. Bekannt wurde sie als Mitglied einer Gruppe von Frauen, die während des Befreiungskrieges gegen Frankreich Bomben an populären öffentlichen Orten platzierte, etwa im Café, der berühmten Milchbar, 1956. Cixous schreibt von Zohra Drif als einer Frau, für die sie Bewunderung hegt. Von Entscheidungen und deren Konsequenzen, einem Leben, das für sie keine Option hätte sein können. Sie kennt Zohra Drif vom Schulhof, konnte aber nicht Teil einer Gruppe algerischer Mädchen werden, wonach sie sich sehnte. Eine unmöglich zu realisierende Flucht vor und gegen die Verhältnisse. Durch die Aktion, die Tat. Aktion, die sich für Cixous später im Denken, im Schreiben realisieren wird, für Drif im Protest, im Argument, im Organisieren, im Gerichtssaal.

Annett Busch arbeitet als freie Autorin, Redakteurin und Kuratorin. Sie co-kuratiert derzeit das mulitlokale Forschungs- und Ausstellungsprojekt Women on Aeroplanes, ein Projekt des Iwalewahaus Bayreuth, in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art Warschau, The Showroom in London und dem Center for Contemporary Art in Lagos (2017-2019). In diesem Kontext co-editierte sie eine Reihe von „Inflight“ Magazinen. Zuletzt gab sie das Buch „After Year Zero — Geographies of Collaborations“ (2015) heraus (zusammen mit Anselm Franke).

Abschlussvortrag zur Ringvorlesung im Rahmen des Kooperationsjahres 2018 zwischen dem Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZfG) und dem Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Eva Blome & Heide Volkening (Greifswald): Flucht erzählen. Von Hannah Arendt bis Christian Petzold
Eva Blome und Heide Volkening werden exemplarische Einblicke in literarische Versuche des 20. und 21. Jahrhunderts geben, Flucht narrativ zu gestalten. Hannah Arendts Essay Wir Flüchtlinge und Ruth Landshoff-Yorcks Kurzporträt Jean Paul Sartre nutzen den Spiegel männlicher Protagonisten und das literarische Spiel mit Pronomen, um von Erfahrungen zu erzählen, die nicht mehr als individuelle Erfahrung verstanden werden können. Dominant erscheint eine männliche Perspektivierung von Flucht in Anna Seghers Roman Transit ebenfalls nur auf den ersten Blick: Das Erzählen mannigfacher Fluchtgeschichten und der Entschluss zur Gemeinschaftlichkeit führen vielmehr zu einem kollektiven und – wie Christian Petzolds aktuelle Filmadaption von Transit betont – überzeitlichen Erleben von Verfolgung und Exil.

Eva Blome ist Juniorprofessorin für Gender Studies im Arbeitsbereich Neuere deutsche Literatur/Literaturtheorie am Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald. Sie ist außerdem Vorstandssprecherin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG). Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Bildung und sozialer Ungleichheit in literarischen Texten um 1800.

Heide Volkening ist Mitarbeiterin am Institut für deutsche Philologie in Greifswald. An der Ludwig-Maximilians-Universität München hat sie 2015 ihre Habilitation zum Thema Charakter – Arbeit. Zur literarischen Produktivität des tätigen Menschen abgeschlossen. Seit 2016 ist sie im Vorstand des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG) in Greifswald tätig. Gegenwärtig forscht sie zur Prekären Moderne.


Ringvorlesung des IZfG im Wintersemester 2019/20

Digitale Sichtbarkeit

Konzeption: Theresa Heyd, Heide Volkening

Unter dem Titel Digitale Sichtbarkeit widmet sich die Ringvorlesung Dimensionen der Teilhabe, Repräsentation und Modellierung von Geschlechtern im Kontext digitaler Medien. Dabei soll es sowohl um Darstellungen und Inszenierungen von Geschlecht als auch um empirische Phänomene wie ungleiche Zugänge zu oder Praktiken des Umgangs mit digitalen Formaten gehen. Die Vorträge untersuchen heterogene Formen von Geschlecht als Kategorie digitaler Sichtbarkeit. Was 'Sichtbarkeit' im Spannungsfeld zwischen Repräsentation, Anerkennung und Normierung heißen kann, soll im konkreten Einzelfall jeweils neu befragt und diskutiert werden.

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

Eröffnungsvotrag von Isabel Paehr (Berlin) und Johanna Schaffer (Kunsthochschule Kassel)
18.00 Uhr im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg (Martin-Luther-Straße 14)


In digitalen Medienrealitäten verliert der Begriff Sichtbarkeit die oppositionellen Konnotationen fast vollständig, die ihm vor allem migrantische und feministische Kontexte in den 1980er Jahren angeheftet hatten. Die herrschaftskritische Forderung nach Umverteilung gesellschaftlicher Ressourcen, mit der die polemische Verwendung des Begriffs verbunden war („Mehr Sichtbarkeit für …“), ist heute durch die Bedeutungskette Sichtbarkeit = views = Monetarisierbarkeit überschrieben. Wir möchten in unserem Vortrag daher ein Set von Begrifflichkeiten durchspielen, das unserer Meinung nach besser geeignet ist, kritisch über visuelle Kommunikation und digitale Infrastrukturen nachzudenken: z. B. Visualität (als historisch mit Kriegsführung und Versklavung verbunden), verteilte Handlungsfähigkeit, Flachheit, Permeabilität, Anonymität, ‚bio-informational’. Als Anlass nehmen wir unter anderem eine Auftragsarbeit für das US-Verteidigungsministerium, das 2018 die „Nutzbarkeit von Memes für Influence Campaigns“ untersucht, sowie kryptofaschistische Bedeutungsproduktion auf Reddit. Perspektiviert werden unsere Überlegungen durch unsere eigenen Auseinandersetzungen mit kritischen visuellen Setzungen im digitalen Raum.
Isabel Paehr untersucht, wie Virtualität hergestellt und distribuiert wird. Sie entwickelt künstlerische Anordnungen und performt, schreibt und programmiert in kollaborativen Arbeitsformen entlang verschiedener Wissensgebiete und -praktiken. Johanna Schaffer arbeitet als Schreibende und Lehrende, die sich für die politischen Dimensionen ästhetischer Prozesse interessiert, oft gemeinsam mit Gestalter*innen und Künstler*innen. An der Kunsthochschule Kassel leitet sie den Arbeitsbereich Theorie und Praxis der Visuellen Kommunikation und hat für einen Turnus das Amt der Vizerektorin für Studienangelegenheiten inne. Isabel Paehr und Johanna Schaffer sind Teil der selbstorganisierten Arbeitsgruppe „Maschinistisches Wahrnehmen“.

Moderation: Theresa Heyd & Heide Volkening

Elizabeth Prommer (Uni Rostock, Institut für Medienforschung)
18.00 Uhr, Rubenowstraße 3, Hörsaal

Die Video-Plattform YouTube ist eines der wichtigsten Angebote online (mpfs 2018) für Kinder und Jugendliche. Durch seine benutzerbasierte Struktur entstehen durch YouTube neue Netz-Öffentlichkeiten und Diskurse. Dabei ist zu hinterfragen, inwieweit die Plattform tatsächlich Empowerment-Prozesse zum Zweck einer größeren inhaltlichen Vielfalt und Diversität leisten kann und welches Innovationspotential YouTube hinsichtlich der Möglichkeit der Partizipation (Jenkins et al. 2015) und Verbindung von Menschen (Dijck 2013) hat.

Hier werden die Ergebnisse einer Inhaltsanalyse dargestellt, die eine ungleiche Sichtbarkeit der Geschlechter auf YouTube zeigen: Frauen sind deutlich unterrepräsentiert. Bei den 1.000-Top-Kanälen liegt der Anteil der weiblichen YouTuber*innen bei unter 20 Prozent. Bei den Top-100-erfolgreichsten Kanälen wird bei den Hauptakteur*innen ein Verhältnis von 1:2 erreicht; das sind 29 Prozent weibliche gegenüber 69 Prozent männlichen YouTuber*innen.  Es zeigt sich sogar, dass geschlechtsspezifische Differenzen auf YouTube nicht nur bestehen, sondern durch die Bedingungen und Mechanismen der Plattform verfestigt werden.
 

Ramon Reichert (Wien)
18:00 Uhr, Rubenowstraße 3, Hörsaal


Gesichtsbilder sind in der digitalen Bildkommunikation der Plattform- und Onlinegesellschaft allgegenwärtig. Ihre zentrale Rolle bei Selbstthematisierungen hat nicht nur ein faciales Sichtbarkeitsregime etabliert, sondern auch kritische Reflexionsprozesse über den Stellenwert und die Rolle von visueller Repräsentation und technischen Medien in Gang gesetzt, mit denen ästhetische Verfahren und geschlechtspolitische Strategien der Konstruktion und Dekonstruktion von Selbst- und Körperbildern ausgelotet werden können. Konkret befasst sich der Vortrag mit dem kritischen Potential der Defacialisierung und der Demedialisierung des Gesichts als geschlechtliche Einschreibe- und Projektionsfläche.
 

Konstanze Marx (Greifswald)
18:00 Uhr, Rubenowstraße 3, Hörsaal

Vor ziemlich genau einem Jahr entwickelte sich auf Twitter (und darüberhinaus) eine Debatte unter dem #GamerLeaksDE. Im Kern wurden Sexismus, Rassismus und Homophobie im Kontext von Computerspielen problematisiert. Der Vortrag nimmt seinen Ausgangspunkt an dieser Diskussion, verlagert jedoch den Fokus weg von den Inhalten hin zur interaktiven und auf YouTube einsehbaren Aushandlung von Spielen, die Gewalt u. a. gegen Frauen zum Gegenstand haben. Diese Kommunikation entwickelt sich vor der Folie medialer Aufmerksamkeitslogiken, die aufgezeigt und mit Blick auf den Kinder- und Jugendmedienschutz kritisch diskutiert werden.

 

Annekathrin Kohout (Siegen)
18:00 Uhr, Rubenowstraße 3, Hörsaal

Empowerment ist eines der mächtigsten Konzepte der Gegenwart. Sowohl in der Politik – man denke an Barack Obamas „Yes we can!“, oder Angela Merkels „Wir schaffen das!“ –, als auch in der Kultur hat sich die Strategie in kürzester Zeit auch außerhalb der Sozialen Arbeit etabliert.

Auch als Bildstrategie wurde Empowerment in den Sozialen Medien durchgesetzt – und das ist überraschend. Denn in Bildern der Kunst, der Werbung oder des Aktivismus herrschten, wenn es darum ging, Gesellschaft zu verändern, lange Zeit andere Bildstrategien vor. Gebräuchlich waren Provokation, Subversion oder (Hyper-)Affirmation – nicht aber Empowerment. 

Dabei nehmen Empowerment und Provokation unter den genannten Bildstrategien eine Sonderrolle ein, denn sie zielen auch auf eine konkrete Wirkung. Im Vortrag werden die Strategien einander gegenüberstellt und gefragt, was sie jeweils für die von Feminist*innen erwünschten politischen, gesellschaftlich und kulturellen Veränderungen leisten können.

 

Berit Glanz (Greifswald), Elias Kreuzmair (Greifswald)
18:00 Uhr, Rubenowstraße 3, Hörsaal


Soziale Medien, das heißt: Reichweite und Wirkung beeinflussen einander. Steigt die Reichweite aber in einem Maß an, dass ein Account und ein Anliegen sichtbar werden, zeigt sich gerade bei Autorinnen sofort die politische Dimension der gesteigerten Sichtbarkeit: Dass es für einige nicht selbstverständlich ist, dass bestimmte Personengruppen an die Öffentlichkeit treten und als Intellektuelle sprechen. Zugleich sind soziale Medien insofern ein Ort der Demokratisierung, dass sie dort überhaupt einen Ort finden, über ihre Anliegen zu sprechen. Diese Gemengelage erfordert es von den Autor*innen, sich ein Regime der Sichtbarkeit aufzuerlegen – von der Auswahl von Accountnamen und Profilfoto bis zur Selbstinszenierung in Tweets und Posts. In zwei kurzen Impulsvorträgen und einem gemeinsamen Gespräch über konkrete Fälle gehen Berit Glanz und Elias Kreuzmair den wesentlichen Linien dieses Regimes der Sichtbarkeit nach.

 

Sascha Oswald (Hildesheim)
18:00 Uhr, Rubenowstraße 3, Hörsaal


Mit den digitalen Medien, insbesondere der dort zunehmenden visuellen Kommunikation und den allgegenwärtigen Evaluationsfunktionen wie Likes und Upvotes, haben sich auch die Formen der Selbstthematisierung gewandelt. Die Effekte, die sich beobachten lassen, gehen dabei weit über die einseitige Kritik der Selbstbespiegelung hinaus, die innerhalb der Narzissmus-Debatte geschürt wird. 'Das Netz‘ formt Subjekte nicht einfach, vielmehr entstehen im Zusammenspiel der jeweiligen Plattformangebote mit den unterschiedlichen Nutzungsweisen der Einzelnen sehr vielseitige Selbstentwürfe und Selbstbilder. 

Am Beispiel der Plattformen Instagram (einer sozialen Netzwerkseite), Tinder (einer Dating-App) und 9gag (einem Imageboard) wird im Vortrag nachvollzogen, wie männliche Selbstbilder im Rahmen visueller Kommunikation wechselseitig geformt und legitimiert werden. Die vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass Männlichkeit im Rahmen der Strukturen und Funktionen, welche die Plattformen anbieten, jeweils sehr unterschiedlich inszeniert und thematisiert wird. Dabei werden eben nicht nur klassische Männlichkeitsbilder perpetuiert - stattdessen erweisen sich die Plattformen als resonanzstarke Artikulationsräume für neue, marginalisierte oder spielerisch-ästhetische Männlichkeiten.

 


Ringvorlesung des IZfG im Sommersemester 2021- 25 Jahre IZfG

Gender@Greifswald

Konzeption: Theresa Heyd, Heide Volkening, Maria-Friederike Schulze

In diesem Jahr feiert das IZfG seinen 25. Geburtstag – als "Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterstudien" wurde es am 19. November 1996 als erste Institution dieser Art in den ostdeutschen Bundesländern gegründet. Diesem Datum waren gemeinsame Bemühungen engagierter Wissenschaftler*innen sowie der Gleichstellungsbeauftragten der Hochschulen und Fachhochschulen vorangegangen. Die damalige Kultusministerin Regine Marquart gab schließlich den entscheidenden Impuls. Heute blickt das IZfG auf eine erfolgreiche Geschichte, eine lange Reihe unterstützter Forschungs- und Tagungsprojekte, zahlreiche Publikationen und Veranstaltungen zurück. Inzwischen hat sich mit dem Basisfach Gender Studies in den Bachelorstudiengängen der Philosophischen Fakultät auch ein Studienangebot im Rahmen der Optionalen Studien etabliert.

Wir möchten das Jubiläum zum Anlass nehmen, die aktuelle interdisziplinäre Vielfalt der Geschlechterforschung in Greifswald in einer gemeinsamen Veranstaltung sichtbar zu machen und stärker zu vernetzen. Forschende und Lehrende des Historischen Instituts, des Instituts für Politik- und Kommunikationswissenschaften, des Instituts für Deutsche Philologie, der Medizin, der Musikwissenschaft, des Instituts für Erziehungswissenschaft und des Instituts für Anglistik und Amerikanistik stellen Aspekte ihrer Arbeit im Rahmen der Ringvorlesung Gender@Greifswald vor. Für Studierende aller Fakultäten bietet diese Vorlesungsreihe die Möglichkeit, sich über das heterogene Feld der Geschlechterforschung in seiner interdisziplinären Breite zu informieren.

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

Dr. Heide Volkening, Prof. Dr. Theresa Heyd, Maria-Friederike Schulze (IZfG)

Prof. Dr. Corinna Kröber, Politikwissenschaft

Gibt es heute noch eine gläserne Decke für Frauen in der Politik? Welche Abgeordneten setzen sich für die Belange von Frauen ein und warum? Und wie verändert sich Politik, wenn mehr Frauen mitwirken? So lauten einige Schlüsselfragen der empirischen politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung. In diesem Vortrag erläutere ich, wie meine Forschung zu deren Beantwortung beiträgt. Dazu lege ich beispielhaft drei aktuelle Forschungsprojekte dar, beschreibe deren Forschungsdesign und Ergebnisse.

PD Dr. Irene Erfen, Germanistik

Boccaccios lateinisches Handbuch antiker Frauenviten wird in der europäischen Literatur bis in die Neuzeit vielfältig übersetzt, ausgeschrieben und illustriert. Die Rezeptionen isolieren einzelne Aspekte und Diskurse des Werks, konzentrieren sich häufig auf den ‚Frauenfeind‘ Boccaccio, wie er in Baldessare Castigliones ‚Libro del cortigiano‘, einem höfischen Vademecum des 16. Jahrhunderts, genannt wird oder entnehmen mit divergierender Zielsetzung und Funktion Material. Dieser z. T. konträre Gebrauchswandel, eine im Übrigen für das gesamte Spätmittelalter sowie die Frühe Neuzeit zu beobachtende Erscheinung, ist angelegt in der Struktur der ‚Berühmten Frauen‘ als mythographischem Lexikon und anthropologischer Darstellung des weiblichen Geschlechtscharakters. Der Vortrag beschäftigt sich mit einigen der produktionsästhetischen Mittel, die Boccaccios misogyne Regie einsetzt, um die Akzeptanz seines moraldidaktischen Konzeptes zu befördern oder - in der aristotelisch-horazisch geprägten poetologischen Terminologie – um die Wahrscheinlichkeit seiner Darstellung und ihrer normativen Forderungen zu erweisen.

Prof. Dr. Cordelia Heß, Geschichte

Im gesamten Ostseeraum verfolgen konservative und neu-nationalistische Akteure politische Themen, die unter dem Begriff Antifeminismus zu fassen sind: die Gesetzgebung zu Schwangerschaftsabbrüchen in Polen, die Männerrechtsbewegung in Schweden, Homophobie in Russland. Während in der deutschsprachigen Forschung vor allem über „Anti-Genderismus“ gesprochen wird, wobei primär Kämpfe um Begriffe und deren Besetzung gemeint sind, eröffnet der Blick auf Nord- und Osteuropa in historischer Perspektive ein umfassenderes Bild des antifeministischen Projekts neu-nationalistischer Akteure – und damit neue Impulse für die Definition von Antifeminismus insgesamt. Im Vortrag werden erste Forschungsfragen aus dem Cluster „Neue Nationalismen“ des Interdisziplinären Forschungszentrums Ostseeraum (IFZO) vorgestellt und diskutiert.

Dr. Elpiniki Katsari, Medizin

Es gibt zunehmend wissenschaftliche Belege, dass Erkrankungen bei Männern und Frauen mit unterschiedlichen klinischen Ausprägungen, in unterschiedlicher Häufigkeit und zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten. Zudem ist die Therapie von Krankheiten, aber auch die Gesundheitsförderung und Präventionskonzepte bei Männern und Frauen nicht immer gleich wirksam. Mit der weltweiten Corona-Virus-Pandemie, sind die Herausforderungen für eine geschlechtersensible Medizin größer geworden. Neue Erfahrungen und Erkenntnisse sind hinzugekommen, die ohne Zeitverlust in die Gesundheitsversorgung implementiert werden müssen.

Dr. Susanne Froehlich, Geschichte

Die Erforschung weiblicher Lebenswelten in der Antike ist nach wie vor schwierig.In den literarischen Texten liegt die Deutungshoheit fast ausnahmslos bei männlichen Autoren. Anderes Quellenmaterial erweist sich als spröde: Grabinschriften nennen uns häufig nur Namen und Alter der verstorbenen Frauen, die allenfalls durch stereotype Rollenzuschreibungen als treu, keusch und eifrig handarbeitend charakterisiert werden.Weitgehend unsichtbare Frauen also?  Eine  Perspektive  eröffnet  sich  dort,  wo ein fester raumzeitlicher Rahmen die Kombination verschiedener Quellengattungen und damit einen multiplen methodischen Zugriff erlaubt. Am Beispiel der Region um Korykos und Seleukia im Süden der heutigen Türkei können spätantike Frauen nicht allein als Ehefrauen oder Witwen vorgestellt werden, sondern auch mit ihren Berufen zum Beispiel als Ärztin, Hebamme oder Diakonin. Eine besondere Bedeutung hat die lokale Heilige Charitine (†304), deren Kult in Korykos belegt,aber noch kaum erforscht ist. Die Märtyrerakten der Charitine lassen uns in lebhafter Schilderung an dem öffentlichen Prozess gegen die Heilige auf dem Marktplatz von Korykos teilhaben, wobei historische und fiktionale Elemente miteinander verwoben werden. Sogar mit einem raren weiblichen Selbstzeugnis kann der gewählte historische Chronotopos aufwarten: Die abenteuerlustige Pilgerin Egeria besuchte die Region um 380 auf der Rückreise aus dem Heiligen Land und hat ihre Eindrücke in einem  Reisebericht festgehalten, der besonders auf  eine Gemeinschaft von Asketinnen in Seleukia eingeht. Der Vortrag macht deutlich, dass sich in der Spätantike für Frauen neue Handlungsoptionen und Lebensentwürfe ergaben. Rollenvorbilder von keuscher Jungfräulichkeit oder Askese boten eine außerordentlich attraktive Alternative zu den familiären Geschlechterrollen als Ehefrau und Mutter.

Prof. Dr. Klaus Birnstiel, Germanistik

Mit der sog. „Frauenfrage“ hat sich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, so lautet ein insbesondere nach ’68 oft erhobener Vorwurf, allenfalls am Rande befasst. Im Zuge der zweiten Welle des westeuropäischen Feminismus ergab sich die Diagnose einer gegenüber Geschlechterfragen strukturell blinden Theorie, welche die von Frauen mit zunehmendem Nachdruck gestellte Machtfrage zum dialektischen Nebenwiderspruch zu verharmlosen versuchte. Dass Geschlechterfragen in der Kritischen Theorie indes durchaus eine herausgehobene Rolle spielen, zeigt unter anderem ein Blick auf die „Minima Moralia“ Theodor W. Adornos und die Arbeiten Max Horkheimers. Der Vortrag setzt sich demgemäß zum Ziel, die Antworten der Frankfurter Schule auf die „Frauenfrage“ nicht nur zu historisieren, sondern auch ihre aktuellen und akuten Potentiale auszuloten.

Prof. Dr. Theresa Heyd, Anglistik / Amerikanistik

Technologische Innovation beeinflusst nicht nur unser gesellschaftliches Handeln, sondern auch Debatten darüber; das betrifft in jüngesten Jahren Bereiche wie die zunehmende Bedeutung von Künstlichen Intelligenzen, Maschinen und Maschinelles Lernen, Bild- und Stimmerkennung sowie die Verdatung des Alltags in vielen Facetten. Dabei rückt zunehmend in den Blick, dass auch diese vermeintlich maschinell gelenkten Prozesse zutiefst menschengemacht und von sozialen Praktiken beeinflusst sind. Dementsprechend sind algorithmische Prozesse und Verfahren der Bilderkennung nie neutral, sondern von gesellschaftlichen Diskursen und Biases geprägt (s. z.B. D’Ignazio und Klein 2020 zum Thema Data Feminism, Noble 2018 zu Algorithms of Oppression). Sprachwissenschaftler*innen wie Jones (2019) haben darüber hinaus auf die diskursive Tendenz hingewiesen, Algorithmen und künstliche Intelligenzen als menschlich zu konstruieren. Dieses Diskursfeld stellt somit einen zentralen Gegenstand für eine posthumane Linguistik im Sinne von Pennycook (2018) dar, die die Grenzbereiche von noch-nicht-menschlichem und mehr-als-menschlichem Sprechen auslotet und zur Debatte stellt. Gerade Repräsentationen und Rekonstruktionen von Geschlecht sind dabei analytisch relevant, da die Frage, wer oder was als menschlich gilt, schon immer auch eine Frage des Geschlechts war.

Dieser Vortrag erkundet die Zusammenhänge von Posthumanismus, geschlechtlicher Konstruktion und künstlicher Intelligenz am Beispiel des neuronalen Netzwerks This Person Does Not Exist (TPDNE; https://thispersondoesnotexist.com) und seiner Diskursivierung in den sozialen Medien. TPDNE erzeugt artifizielle, fotorealistische Porträtbilder von nicht existierenden Personen, die häufig kaum von realen Porträtfotos zu unterscheiden sind, oft jedoch auch „uncanny“-Effekte aufweisen, beispielsweise im Bereich der Gliedmaßen, Kleidungsstücke, Accessoires oder auch Nebenpersonen im Anschnitt. Während die URL lediglich zur Generierung der Bilder dient, findet durch Derivate in den sozialen Medien wie @wedontexisthere eine intensive Diskursivierung der Bilder statt. Das geschieht sowohl durch die Partizipationslogiken der Plattform (Liken, Retweeten, etc.), als auch durch Kommentare und Diskussionen. Im Vortrag werfen wir einen quantitativen und qualitativen Blick auf diese Diskurse. Welche Bilder erlangen digitale Sichtbarkeit, und über welche Mechanismen? Wie werden diese artifiziellen Porträts besprochen, und inwiefern werden dabei soziale Kategorien wie Geschlecht und Alter, aber auch visuelle Kategorien wie Norm/Schönheit und Abweichung davon sprachlich hergestellt? Wie gehen Nutzer*innen mit den Rändern des Menschlichen um, und welche Vorstellungen von digitaler Sichtbarkeit im posthumanen Zeitalter können wir daraus ableiten?

Dieser Vortrag knüpft an die IZfG-Ringvorlesung 2019/2020 zum Thema Digitale Sichtbarkeit an.

D'Ignazio, C. and Klein, L.F., 2020. Data feminism. MIT Press.
Jones, R.H., 2019. The text is reading you: Teaching language in the age of the algorithm. Linguistics and Education, p.100750.
Noble, S.U., 2018. Algorithms of oppression: How search engines reinforce racism. NYU Press.
Pennycook, A. (2018). Posthumanist applied linguistics. Applied Linguistics, 39(4), 445-461.

Prof. Dr. Konstanze Marx, Germanistik

Gleichstellung und Diversität erwecken den Eindruck diskursiv konkurrierender Konzepte. In einem kurzen Auftaktimpuls wird Konstanze Marx die Bedeutung dieser Begriffe spezifizieren – orientiert am konkreten Gebrauch der Wörter auf Internetpräsentationen von Gleichstellungsbeauftragten verschiedener Institutionen. Im Anschluss daran wird sie im Gespräch mit Theresa Heyd über Schnittstellen von Gleichstellung und Genderforschung sprechen. Dabei werden auch Verbindungen zwischen Konstanze Marx' sprachwissenschaftlichen Lehr- und Forschungsgebieten und ihrer aktuellen Funktion als Prorektorin für Kommunikationskultur, Personalentwicklung und Gleichstellung zum Thema.

Prof. Dr. Ines Sura, Medienpädagogik

Computerspiele sind mittlerweile als Kulturgut und Kunstwerke anerkannt und zudem längst keine „Jungssache“ mehr. Es können jedoch genderspezifische Unterschiede in der Nutzungsmotivation und in der Auswahl von Computerspieltiteln ausgemacht werden. Nach einem komprimierten Einblick in jene spezielle medienpsychologische Forschung, gibt diese Vorlesung einen Überblick über die Verarbeitung durchaus fragwürdiger Geschlechterstereotype innerhalb der Gaming-Culture. In einem abschließenden Ausblick werden künftige Möglichkeiten von inhaltlich und ästhetisch „gendergerechter“ Umsetzung und Darstellung im Plenum diskutiert.

Prof. Dr. Gesa zur Nieden (Musikwissenschaft)

Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen wird seit jeher unter genderbezogenen Perspektiven betrachtet, wobei insbesondere Wagners Frauengestalten und androgyne Geschlechterkonzeptionen im Vordergrund stehen. Im Vortrag sollen diese Aspekte in der Produktion "Der Ring des Nibelungen als Peking-Oper" von Aziza Sadikova (Radialsystem Berlin 2019 und Seidenstraßen-Festival der Elbphilharmonie Hamburg 2020) analysiert werden, um ihre Rolle innerhalb zeitgenössischer ästhetischer Situierungen in einer kanonisierten Musikgeschichte und in einem von gesellschaftlicher Pluralität geprägten Musikleben zu beschreiben.

DIESER VORTRAG FINDET EINMALIG UM 18 UHR STATT.

Dr. Claire Massey, Anglistik

Through an examination of murals and installation art, this talk will introduce individual and collective artivist responses to femicide in one of the most violent border regions in the world. As we view each piece, we will consider how the work unifies and how the artist/s use their medium to create spaces of witness, memory, and survival.

In den vergangenen Jahren hat das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung (IZfG) regelmäßig im November das Forschungskolloquium "Gender im Fokus" veranstaltet. Ziel des Kolloquiums ist es, aktuelle Arbeits- und Forschungsvorhaben an der Universität Greifswald, die Aspekte der Gender Studies beinhalten, vorzustellen und zu diskutieren. "Gender im Fokus" ist ein universitätsweites, interdisziplinäres Austauschforum, das Projekten im Bereich der Geschlechterforschung zu mehr Sichtbarkeit und Resonanz verhelfen soll.

Anders als in den vergangenen Jahren soll die Veranstaltung anlässlich des 25-jährigen Jubiläums in die Ringvorlesung Gender@Greifswald im aktuellen Sommersemester eingebunden werden. Im Rahmen des letzten Termins der Ringvorlesung können aktuell laufende, aber auch geplante oder gerade abgeschlossene  Dissertations- und Habilitationsprojekte sowie Abschlussarbeiten in einer digitalen Präsentation vorgestellt werden. Diese Präsentation kann im Anschluss auf der Homepage des IZfG eingestellt und auf diese Weise für eine größere Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden.

Ablauf

16.15 Uhr
Begrüßung und Einführung (IZfG)

16.20 - 16.35 Uhr: Anna Kirchgatterer
"Zwei Dinge darf ein Schriftsteller nicht ablehnen: eine Einladung ins Fernsehen und eine Möglichkeit zum Sex." Männlichkeitskonstruktionen im Literaturbetriebsroman
Moderation: Heide Volkening

16.40 - 16.55 Uhr: Paula Reppmann
Substantielle Repräsentation durch weibliche Abgeordnete – Welche Rolle spielt die Intersektion von sozialer Klasse und Geschlecht?
Moderation: Theresa Heyd

17.00 - 17.15 Uhr: Darius Ribbe
A Systematic Review of Empirical Applications of Representative Claim Analysis
Moderation: Theresa Heyd

17.20 - 17.35 Uhr: Verena Liu
"... mit ebenso viel Tatkraft wie Liebe zu Musik". Leiterinnen privater Musikschulen in Sachsen und Mitteldeutschland 1870-1920.
Moderation: Heide Volkening

17.40 - 17.55 Uhr: Sebastian Paschen / Elpiniki Katsari
Gendermedizin. Status Quo an der UMG – ein Abbild.
Moderation: Heide Volkening

17.55 Uhr: Danksagung und Abschluss der Ringvorlesung


Ringvorlesung des IZfG im Sommersemester 2022

Gender, Health and the Deviant Body – Intersektionale Zugänge zu Körper, Gesundheit und Geschlecht

Konzeption: VProf.in Dr. Jennifer S. Henke und JProf. Dr. Klaus Birnstiel

Ort: Universität Greifswald, Ernst-Lohmeyer-Platz 6, Hörsaal 1

Uhrzeit: 16 Uhr c.t.

Die Ringvorlesung verbindet interdisziplinäre Fragen zum Verhältnis von Geschlecht, Körper und Gesundheit: Welche Rolle spielen Faktoren wie race, age, (dis)ability oder class für Gesundheit, Krankheit und Körperlichkeit? Was verstehen wir unter ,Gesundheit‘ und wer besitzt die diskursive Macht mit Blick auf vermeintlich abweichende Körper? Wie hängen etwa Gesundheit und Gewalt zusammen? Wie unterschiedliche Diskriminierungsmechanismen miteinander verschränkt sind und welche Implikationen diese Überschneidungen für repräsentierte wie gelebte Erfahrungen von Körperlichkeit haben können – das sind Fragen, mit denen sich die interdisziplinäre Ringvorlesung Gender, Health and the Deviant Body – Intersekt ionale Zugänge zu Körper, Gesundheit und Geschlecht beschäftigt. Die Vorträge aus den Bereichen der disability studies, medical humanities, (post)colonial studies, gender/ queer studies, critical race theory und den body studies werden dabei den Konnex zwischen Geschlecht, Gesundheit und Körper aus intersektionaler Perspektive zur Diskussion stellen.

 

Prof.in Dr. Anne Waldschmidt (Universität Köln)

Der Vortrag thematisiert die Verbindungen von (Nicht-)Behinderung (dis/ability) und Geschlecht aus Sicht der interdisziplinären Disability Studies. Nach einer Skizze zur Entwicklungsgeschichte des Forschungsfeldes werden der Forschungsstand in den Feminist & Queer Disability Studies und Theorieansätze wie z.B. Intersektionalität erläutert. Anschließend geht es um Sexualität, Fortpflanzung und Biopolitik als wichtige Themenfelder und es werden anhand eines Fallbeispiels die Intersektionen von Körper, Normalität und Inklusion diskutiert.

Dr.in Sukla Chatterjee (Universität Bremen)

The talk focuses on the defiant as well as the deviant bodies in the short stories of Sadat Hasan Manto to analyze the spectrum of violence and its portrayal in South Asian literature. Focusing on Manto’s stories that are set in the background of one of the most turbulent times in the history of South Asia, namely the partition of India, the talk explores the intersection of bodies, violence, and human psyche to arrive at a nuanced understanding of the effects of cultural trauma.

Dorothee Marx, M.A. (Universität Kiel)

Menschen mit Behinderungen werden vielfach nicht als vollwertige Personen mit einer komplexen, intersektionalen Identität wahrgenommen. Stattdessen gerät ihre Behinderung schnell zu einem alleinigen „Master status“ (Couser 2005: 603), der sich auf alle Aspekte ihrer Identität wie Geschlecht, Sexualität und race auswirkt und deren Wahrnehmung beeinflusst. Anhand von verschiedenen autobiographischen Comics betrachtet mein Vortrag die Konstruktion von disability aus einer intersektionalen Perspektive und geht auf das Zusammenwirken verschiedener Identitätskategorien ein.

Wir bitten freundlich um das Tragen einer medizinischen Maske.

Sie sind herzlich eingeladen, dem Vortrag mithilfe des bereitgestellten Manuskripts zu folgen.

Prof.in Dr. Katharina Wesselmann (Universität Kiel)

Catull erzählt von einem jungen Griechen, der in den Bann der phrygischen Göttin Kybele gerät. Diese versetzt ihre Anhänger in Ekstase, worauf sie sich selbst kastrieren. Nachdem Attis diesen Schritt vollzogen hat, versieht Catull die Figur wechselweise mit maskulinen und femininen Pronomen, und das so irrlichternd, dass sich Textkritik und Übersetzungen intensiv daran abgearbeitet haben. Was ist die notha mulier Attis, die ‘falsche Frau’? Und wie spricht man über diese Figur? Gerade vor dem Hintergrund aktueller Debatten über fluide Geschlechtsidentitäten tun sich neue Erkenntnisse über das Gedicht und seine Geschichte auf.

MUSS WEGEN KRANKHEIT ERSATZLOS ENTFALLEN

Dr. Cedric Essi (Universität Osnabrück)
Die Idee des ‚melting pot_ gilt immer noch oft als ein inkludierendes Gesellschaftsmodell der US-amerikanischen Nation. Über einen intersektionalen Zugang zeigt Cedric Essi allerdings, welche Körper von diesem Gemeinschaftsideal historisch ausgeschlossen wurden bzw. werden und in welchem Zusammenhang diese Ausschlüsse mit Gesundheitsdiskursen stehen. Der Vortrag illustriert diese Körperpolitik anhand einer Kulturpraxis, die für die USA zentral ist: Genealogie. Die Erforschung und Dokumentation der eigenen Abstammung wird immer wieder als nationale ‚Sucht‘ beschrieben und ist eng dem reproduktiven Melting-Pot-Mythos verknüpft. Durch einen Überblick historischer und aktueller Genealogiepraktiken wird klar, welche Körper zum angeblichen ‚Wohl‘ der Nation als deviant markiert wurden und wie diese nun aber den Mythos des Melting Pot neu erfinden.


Ringvorlesung des IZfG im Sommersemester 2023

Gewaltgeschichten. Krieg und Geschlecht im 20. und 21. Jahrhundert

Konzeption: Anna Efremowa M.A., Dr.in Annalisa Martin, Prof.in Dr.in Annelie Ramsbrock

Ort: Universität Greifswald, Rubenowstr. 3, Hörsaal [EG] oder unter IZfG-digital(*)

Zeit: Montag 18.00 -20.00 Uhr c.t.

Männer* verteidigen das Land – Frauen* und Kinder verlassen das Kriegsgebiet. Im andauernden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine wird deshalb wiederholt von einer „heteronormativen Rollenverteilung“ gesprochen, wie etwa die Wiener Historikerin Claudia Kraft in einem Interview der Süddeutschen Zeitung im März 2022 durchaus kritisch festhielt. Das Thema Krieg und Geschlecht ist wieder hochaktuell, und zugleich kann Zweifel daran bestehen, dass Geschlechterverhältnisse im Krieg nicht in Flucht und Verteidigung als zwei logischen Reaktionen aufgehen. Geschlechterverhältnisse sind immer auch Bestandteil des Alltagslebens; werden neu im Ausnahmezustand entworfen, mindestens aber verschoben. Die Mobilmachung von Frauen* in beiden Weltkriegen und die darauffolgende schwierige Rückkehr militarisierter Männer* ins Zivilleben ist nur eines von vielen Beispielen aus dem vergangenen Jahrhundert, das den Prozess der sich wandelnden Geschlechterverhältnisse in Krieg und Nachkrieg eindrücklich zeigt.

Aus Anlass der aktuellen Diskussion verweist die Ringvorlesung auf weitere Szenarien der Verschiebung von Geschlecht und sozialen Rollen in Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeiten des 20. und 21. Jahrhunderts, wobei Geschlechterfragen im Alltag des Ausnahmezustands eine besondere Bedeutung zukommt. Dabei findet auch die Rolle von sexualisierter Gewalt im Krieg sowie das Verhältnis von Queerness und Kriegserfahrungen in der Vortragsreihe Beachtung. Die Reihe ist interdisziplinär angelegt und präsentiert verschiedenartige Schauplätze kriegsbedingter Ausnahmezustände. Die Vorträge befassen sich mit den Erfahrungen an der Front und Heimatfront, mit Inhalten von Propaganda und Aufarbeitung und mit geschlechtsspezifischen Erinnerungen und ihrer Verarbeitung in der Kunst und Literatur.

(*) Angehörige der Universität Greifswald können sich mit ihrem Account in den Moodlekurs einwählen, externe Gasthörer*innen finden den Direktlink zum digitalen Hörsaal im Reiter der jeweilgen Vorlesung.

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

Moderation: Prof.in Dr.in Annelie Ramsbrock

Kriege haben nicht nur Vorboten. Sie verändern die in den Krieg involvierten Gesellschaften oft zutiefst, greifen in etablierte Ordnungen der Geschlechter ein, zerstören Körper von Menschen oder hinterlassen Spuren in ihren Psychen. Von vielfältigen Kriegstraumata kollektiver und individueller Art wird deshalb heute oft gesprochen, doch die Rede vom Trauma verdeckt häufig mehr als sie an Einsichten freilegt. Denn das, was vom Krieg bleibt, ist keineswegs einheitlich, sondern von historisch spezifischen Erfahrungen während und im Gefolge des Krieges wesentlich geprägt, wie der Vortrag sichtbar machen wird. Er fokussiert dabei auf deutsche Kriegsheimkehrer nach 1945, die über kürzere oder längere Zeit, oft auf Betreiben ihrer Angehörigen, in psychiatrischer Behandlung waren. Anhand ihrer Träume, Ängste und Bemühungen, ein Anderer zu werden, lässt sich eine Hinterlassenschaft des Krieges greifen, der aus sehr unterschiedlichen Gründen für sie zu einer Bürde geworden war. 

Die Auftaktveranstaltung findet im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg, Martin-Luther-Straße 14 statt. Zugang zum digitalen Hörsaal: https://www.wiko-greifswald.de/programm/digitale-veranstaltungen/zugang-zum-digitalen-hoersaal/zugang-zum-digitalen-hoersaal-ab-14/

Moderation: Anna Efremowa, M.A.

Der Vortrag gibt einen Überblick über feministische Ansätze in der Friedens- und Konfliktforschung. Anhand von drei Themen möchte ich vorstellen, wie Geschlecht in der Forschung über bewaffnete Konflikte sowie der sicherheits- und friedenspolitischen Praxis diskutiert wird: Sexualisierte Kriegsgewalt, militärische Männlichkeit und „embedded feminism“. Gender ist im Mainstream der Friedens- und Konfliktforschung und in der Sicherheits- und Friedenspolitik angekommen. An den Machtverhältnissen und der damit verbundenen Verteilung materieller Ressourcen innerhalb des Forschungsfelds und der politischen Praxis hat dies bislang jedoch nichts geändert.

Zugang zum digitalen Hörsaal: https://uni-greifswald-de.zoom.us/j/83431801607?pwd=b2NDazdIQnVtMEZVbFJGK2JKMHdMUT09

Moderation: Dr.in Annalisa Martin

Oft wird vergessen, dass Magnus Hirschfelds sexualwissenschaftlicher Klassiker „Sittengeschichte des Weltkrieges" von 1930 nicht nur eine für seine Zeit ungewöhnliche Fragestellung verfolgte, sondern auch Teil der zehn Jahre nach dem Krieg entbrannten Debatte um Remarque und die „wahre" Schilderung des „Kriegserlebnisses" war. Der Vortrag fragt danach, auf welchen Wissensbeständen Hirschfelds Diagnose von einer epochalen Einwirkung des Krieges auf die sexuelle und die geschlechtliche Sphäre aufruhte und welche Spuren es in der Kriegserinnerungskultur der Weimarer Republik hinterließ.

Zugang zum digitalen Hörsaal:
https://uni-greifswald-de.zoom.us/j/86008222159?pwd=UWRrTk83cHFNN3ZNRVNQV3ArQTBRQT09

Moderation: Dr.in Annalisa Martin

Since the beginning of the russia’s war against Ukraine, Ukrainian women have been involved in the defence of the country. The lecture examines women’s roles and rights during the war focusing on women in the Ukrainian military and their participation in the resistance against occupation. It analyzes the reality of women in the military from the perspectives of policy, society- and self-perception. It also adds a local perspective to the agency/victimhood debate around women’s roles during the war. 

Zugang zum digitalen Hörsaal:
https://uni-greifswald-de.zoom.us/j/86047714954?pwd=YkhpWURYYzd3cU1VWWF2UnZ1cHNCQT09

Moderation: Dr.in habil. Heide Volkening

Der russische Angriff gegen die Ukraine überraschte nicht nur die Weltöffentlichkeit, sondern vor allem die Ukrainer*innen selbst. Trotz der Annexion der Krim und der Unterstützung der separatistischen „Volksrepubliken“ im Donbas hielten sie eine Invasion des vertrauten Nachbarn für unmöglich. Während die Debatte in den Medien meist um die Fragen der Geopolitik, Sanktionen oder Waffenlieferungen kreist, werden im Vortrag noch einmal die kulturellen Hintergründe beleuchtet, die den Nährboden für den Krieg bereiteten. Sowohl der Aggressor als auch das Opfer begründen diesen Krieg als Kampf um die eigene Sicherheit, Identität und Zivilisation, bei dem wieder alles auf einer Karte steht. Die Annäherung an die festgefahrenen Selbstbilder und Erzählungen macht aber deutlich, dass die Zeichen auf Konfrontation schon lange vor dem Ausbruch der Gewalt standen. Besonders prominent manifestierten sie sich in Bildern heroischer Maskulinität und in den mit ihnen verknüpften Opfernarrativen, mit denen beide Gesellschaften auf den Kollaps des Sozialismus und Verunsicherung durch den Kapitalismus reagierten.

Zugang zum digitalen Hörsaal:
https://uni-greifswald-de.zoom.us/j/88946211038?pwd=eC9jRXBsMlVVS0d2ckg3NXpJOHNNZz09

Moderation: Prof.in Dr.in Annelie Ramsbrock

Soldatenmütter sind eine feste Konstante in der modernen Kriegsführung und Kriegspropaganda. Das galt auch in der Sowjetunion, in der Stalin in den 30er Jahren im Zuge der Militarisierung der Gesellschaft eine stark pro-natalistische Frauenpolitik einführte und später das Bild der Mutter zentral in die Propaganda des Großen Vaterländischen Krieges miteinbrachte. Die Figur der Soldatenmutter gewann jedoch eine neue Dimension in den 80er Jahren, als im Zuge des Afghanistankrieges sich eine Vereinigung von Müttern Wehrpflichtiger etablierte, die Transparenz und Reformen in der sowjetischen Armee forderte. Die ‚Soldatenmütter‘ entwickelten sich zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor in der allgemeinen sowjetischen Meinungsbildung. Sie unterstützten die Perestroika und wurden zu einer der wenigen Stimmen des Protestes in den Tschetschenienkriegen. Unter Putin wurde die Vereinigung weitgehend gleichgeschaltet und für Kriegspropaganda instrumentalisiert. Die Geschichte zeigt jedoch, dass der staatliche Anspruch an Soldatenmütter und ihre eigenen Anliegen oft weit auseinanderklaffen und somit Potential für Konflikte liefert.

Zugang zum digitalen Hörsaal:
https://uni-greifswald-de.zoom.us/j/83673414302?pwd=TXJ3YnlXaVRlVWZSNE9NR1IveXpuZz09


Ringvorlesung des IZfG im Sommersemester 2024

PopFeminismus

 

Ort: Rubenowstr. 3, Hörsaal* oder IZfG-digital**

*Ausnahme: 10. Juli: Alfried Krupp Kolleg Greifswald, Martin-Luther-Straße 14, digitaler Zugang hier

** Externe Personen melden sich bitte unter izentrum@uni-greifswald.de für einen Gastzugang. Jede Vorlesung hat einen eigenen Zugang. Es wird keine Aufzeichnungen geben.

Zeit: 18 Uhr c.t., genaue Daten entnehmen Sie bitte unten

Konzept: Katrin Horn

Organisation: Katrin Horn, Heide Volkening

 

Feminismus ist populär – egal ob T-Shirt, Fernsehsendung oder Popkonzert. Vieles verkauft sich unter dem Label „feministisch“ anscheinend besser als ohne. Ebenso populär scheint jedoch populäre Misogynie (Banet-Weiser) sowie die Verneinung der Relevanz von Feminismus und seine Verortung in einer überkommenen Vergangenheit.

Letzteres Phänomen findest sich selbst in vermeintlich progressiven medialen Repräsentationen von Frauen und wird hier als Postfeminismus beschrieben (McRobbie; Gill; Banet-Weiser et al, Thomas).

In dieser spätestens seit den 2000ern prominenten medialen Verbindung von anti-feministischen Tendenzen und individualisierten empowerment-Behauptungen wird Wahlfreiheit zum singulären Standard progressiver Politik.

Postfeministische Medien stehen so in enger Verbindung zu einer gesamtgesellschaftlichen Erstarkung eines sogenannten choice feminism, in dem die Kritik an einem politischen Status Quo zu Gunsten der Hervorhebung von Konsumverhalten und Lifestyle-Prägung gänzlich verloren gehe, so eine verbreitete These (z.B. Thwaites; Zeisler).

Zeitgleich wurden über Figuren wie Emma Watson oder Beyoncé die Idee des celebrity feminism zunehmend salonfähig, die in der feministischen Auseinandersetzung einerseits als Ablenkung von realen politischen Diskursen beschrieben wird (Gay), andererseits als wichtiges Element einer breiteren Auseinandersetzung mit feministischen Themen gelobt wird (Hobson; Chidgey).

Gleiches gilt für populäre Medien, die häufig Austragungsort anti-feministischer Hetze werden, die aber ebenfalls ein zentraler Ort feministischen Aktivismus sind, z. B. in dem auf populäre Formate basierenden hashtag feminism (Clark-Parson; Stehling) oder der feminist blogosphere als ein wichtiger Austragungsort von Identitätsbildung und Informationsverbreitung (Marwick).

Diesen paradoxen Entwicklungen, insbesondere der letzten beiden Jahrzehnte, sowie der historisch komplexen Verbindung von Popkultur und Feminismus widmet sich die Ringvorlesung „PopFeminsmus“ aus multidisziplinärer Perspektive.

Im Rahmen der IZfG-Ringvorlesung im Sommersemester 2024 werden eingeladene Expert*innen aus der Soziologie, Medien-, Literatur-, und Kulturwissenschaft sich einerseits mit feministischen Zugängen zu Populärkultur auseinandersetzen, andererseits Populärkultur als Zugang zu feministischen Themen und deren diskursiver Wirkmacht betrachten (Hollows & Moseley 1).

Zu den zentralen Anliegen der Ringvorlesung wird es entsprechend gehören, Fragen wie die folgenden zu adressieren:

Wie beeinflusst Popkultur unsere Vorstellung von Feminismus?

Wie kann die feministische Beschäftigung mit Popkultur aussehen?

Wie werden Popstars zu Ikonen des Feminismus und wie werden umgekehrt Feminist*innen und feministische Inhalte populär?

In welchem Verhältnis stehen feministische Repräsentation und feministische Politik?

 

Quellen:

Banet-Weiser, Sarah. Empowered. Popular Feminism and Popular Misogyny. Duke UP, 2018.

Banet-Weiser, Sarah, Gill, Rosalind, und Catherine Rottenberg. „Postfeminism, popular feminism and neoliberal feminism? Sarah Banet-Weiser, Rosalind Gill and Catherine Rottenberg in conversation.” Feminist Theory, 21:1 (2020), 3-24.

Chidgey, Red. “Postfeminism™: celebrity feminism, branding and the performance of activist capital.” Feminist Media Studies, 21:7 (2021), 1055-1071.

Gay, Roxane. „Emma Watson? Jennifer Lawrence? These aren't the feminists you're looking for.” Guardian.com, 2014.

Gill, Rosalind. „Postfeministische Medienkultur. Elemente einer Sensibilität.“ In Gender & Medien Reader, Hrsg. Kathrin Peters und Andrea Seier, 541–556. transcript, 2016.

Hobson, Janelle. “Celebrity Feminism: More Than a Gateway.” Signs (2016). http://signsjournal.org/currents-celebrity-feminism/hobson

Hollows, Joanne und Rachel Moseley (Hrsg). Feminism in Popular Culture. Berg: 2006.

Marvick, Alice. “None of this is New (Media). Feminisms in the Social Media Age.” In The Routledge Handbook of Contemporary Feminism. Routledge, 2019.

McRobbie, Angela. Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010.

Stehling, Miriam. „Vergnügliche Interventionen in digitalen Öffentlichkeiten. Eine Diskursanalyse am Beispiel des Hastag-Protests #distractinglysexy.“ In Anerkennung und Sichtbarkeit. Perspektiven für eine kritische Medienkulturforschung, Hrsg. Tanja Thomas, Lina Brink, Elke Grittmann und Kaya de Wolff, 219–234. transcript, 2017.

Thomas, Tanja. „Pop und Populärkultur: Arenen der (Re)Produktion und Irritation tradierter Geschlechternormen und -verhältnisse.“ In Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Geschlecht und Gesellschaft, Hersg. Beate Kortendiek et al. Springer, 2019.

Thwaites, Rachel. “Making a choice or taking a stand? Choice feminism, political engagement and the contemporary feminist movement.” Feminist Theory, 18:1 (2017), 55-68.

Zeisler, Andi. We were Feminists Once. From Riot Grrrl to CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement. Public Affairs, 2016.

 

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

Dr.in habil. Heide Volkening und Prof.in Dr.in Katrin Horn (beide Universität Greifswald)

 

Die kontroversen Diskussionen um Greta Gerwigs Blockbuster Barbie im letzten Jahr schienen das Hollywoodkino als prominenten Diskursort für zeitgenössischen Feminismus zu feiern und gleichzeitig die Unmöglichkeit der Reflektion feministischer Politik in kommerziellen Kontexten zu behaupten. Dabei war Barbie zwar ungewöhnlich präsent in der öffentlichen Diskussion um Feminismus und Pop, reihte sich ansonsten aber – wie dieser Vortrag zeigen wird – in durchaus bekannte Argumentationsketten ein. Denn Fragen danach, welchen (politischen) Wert Popkultur für Feminismus und welchen (finanziellen) Wert Feminismus umgekehrt für Popkultur hat, prägten zuvor bereits so unterschiedliche mediale Ereignisse wie den Auftritt von Beyoncé vor dem Leuchtschriftzug „Feminist,“ die Platzierung der Comicfigur Wonder Woman auf der ersten Ausgabe der feministischen Zeitschrift Ms Magazine oder die Inszenierung von cringe feminism in der BBC-Serie Fleabag.

Um die Relevanz der Debatte und die Vielfältigkeit der Zugänge aufzuzeigen, bieten Heide Volkening und Katrin Horn einführenden Überblick über unterschiedliche Theorien zur Verbindung von Popkultur und Feminismus. Dabei wird adressiert wodurch sich, beispielsweise, eine postfeminisische Medienlandschaft auszeichnet und warum deren Fokussierung auf empowerment durchaus problematisch zu sehen ist; welche Rolle celebrity feminism im öffentlichen Raum spielt im Unterschied zu Feminist*innen, die selbst zu celebrities wurden; und wie feministische Inhalte Eingang in Popkultur und deren Kritik fanden und finden. Der Vortrag rahmt somit die weiteren Vorträge der Ringvorlesung über eine erste definitorische Annäherung an den vielfältigen Begriff des Popfeminismus.

 Dr.in Christina Scharff (King's College London)

 

Based on thirty in-depth interviews with a diverse group of feminist activists, this inaugural lecture will explore the benefits and pitfalls of digital activism. Reflecting on earlier accounts of PopFeminism, and linking these to scholarly analysis of the popularisation of feminism, the lecture will present the findings from interviews conducted with feminists who were mainly active in the digital sphere, and who were based in Germany and the UK at the time of interview (in early 2022). In particular, the lecture will highlight and critically analyse three features of contemporary digital feminism and the ways in which they resonate with wider forms of pop/popular feminism: 1) shedding light on the intersections between digital feminism and neoliberalism by showing how neoliberalism does not only work on an economic, but also on an affective level 2) adding to our understanding of the exclusions that characterise digital feminism by zooming in on the dimension of class and re-thinking class inequalities beyond mere issues of ‘access’ and 3) developing an understanding of the interplay between the digital economy and digital feminism by exploring the extent to which commonly made distinctions between activists as purely politically motivated and influencers as exclusively commercially driven hold. Interspersed with empirical examples, the lecture asks what is at stake when feminism becomes popular on social media.

Prof.in Dr.in Julia Bee

 

Die rechte Politik im Netz, die von digitalen Dynamiken profitiert, wurde mit dem Begriff des Digitalen Faschismus beschrieben (Marcks/Fielitz 2020; Degeling/Hoffmann/Strick 2021). Ihre Konjunktur ist raumgreifend und eine Bedrohung für die Demokratie. Wie aber kann digitaler Antifaschismus aussehen, der demokratische Themen und Denkweisen im Netz zu einer Frage der Medienkultur macht? Ausgehend vom Konzept der Politischen Bildung skizziert der Vortrag Bildungsstrategien in sozialen Medien und vergleicht Formate klassischer Bildungsinstitutionen mit aktivistischen Ansätzen selbstorganisierter Bildung. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Gender- und intersektionalen Ansätzen sowie auf der Thematisierung der Klimakatastrophe, da diese Themen und die mit ihnen verbundenen Akteur:innen aus Wissenschaft, Bildung, Politik und Aktivismus derzeit besonders von rechts angegriffen werden. Als Beispiel werde ich auf den Kanal ContraPoints als Bildungsmedium eingehen. Welche Probleme ergeben sich für die Arbeit von politischen Influencer:innen? Wie zieht man die Grenze zwischen Bildung und Aktivismus und ist das sinnvoll? Wie werden Gender-, Queer und Trans Studies durch politische Influencer:innen adressiert und welche Potentiale ergeben sich daraus für eine Digitale Politische Bildung und eine antifaschistische Internetkultur?

Dr.in Anne Potjans

 

In meinem Vortag geht es um Wut und Zorn in Schwarzen (queer)feministischen Kontexten. Wut und Ärger (übersetzt aus dem Englischen: „rage and anger“) als affektive Reaktion auf andauernde Unterdrückungserfahrungen werden zugunsten der Aufrechterhaltung von weißen, cis-heteronormativen Strukturen häufig gesilenced, für irrational befunden und aus dem öffentlichen Raum ferngehalten. Allerdings, so möchte ich argumentieren, sind Wut und Ärger ein wichtiger Bestandteil Schwarzer Emotionswelten und eine bisher viel zu wenig beachtete Komponente Schwarzer, (queer)feministischer Wissensproduktion. Ich möchte daher zeigen, dass der epistemologische Zugewinn, der aus einer Hinwendung zu Wut und Zorn resultiert, effektiv nutzbar gemacht werden kann, um hetero-sexistische, cis-sexistische, rassistische und ableistische Gewaltstrukturen zu verstehen und offenzulegen. Wie Audre Lorde bereits in ihren einflussreichen Artikel “The Uses of Anger“ beschreibt: „Anger is loaded with information and energy“.*Ich möchte darüber hinaus zeigen, dass Wut und Zorn Schwarzer FLINTAs Ausdruck eines bestimmten Potentials ist, welches nicht –wie häufig diskrimierend behauptet wird –eine Disposition Schwarzer Weiblichkeit ist, sondern davon zeugt, dass, obwohl Schwarze Subjektivität oft negiert wird, Schwarze Frauen und queere Menschen bestimmte Strategien erarbeitet und weitergegen haben, um sich ihre Subjektivität und bestimmte Formen von Selbstwirksamkeit zu bewahren. Daher nehmen Wut und Zorn in Schwarzen (queer)feministischen kulturellen Artefakten häufig unterschiedliche Gestalt an, sodass sie durch Trauer, Traurigkeit, Selbsthass, Depression oder Lethargie zum Ausdruck gebracht werden. So zeigt sich, dass Wut und Ärger keine klar umrissenen Emotionen oder affektiven Reaktionen sind, ihr wissenstheoretisches Potential aber genau in diesem Chaos steckt. In meinem Vortrag möchte ich mich diesem produktiven Chaos nähern, indem ich mit dem Werk der US Amerikanischen Rap-Künstler*in Angel Haze/ROES beschäftige. Indem ich mich auf das Zusammenspiel von Text und Klang fokussiere, basiert meine Lesart auf einem Schwarzen (queer)feministischen Theorierahmen, wodurch ich die Möglichkeiten aufzuzeigen möchte, die Haze ́/ROES ́ Musik eröffnet um Wut und Zorn zu vermitteln.

* "Wut ist aufgeladen mit Wissen und Energie."

JProf.in Dr.in Nele Sawallisch

 

Comedy unter weiblicher Regie ist nicht zuletzt durch soziale Medien und Streamingdienste aktuell so zugänglich wie nie. Vor allem Stand-up Comedy von weiblichen, trans, oder genderqueeren Comedians ist heute über verschiedene Distributionswege international verfügbarer und medial präsenter als noch vor wenigen Jahren; damit sind auch Themen und Agenden dieser Comedians im lange männlich dominierten Comedy-Business mehr vertreten. Der Vortrag will an ausgewählten, aktuellen Beispielen—wie Hannah Gadsby, AmySchumer, Wanda Sykes, Ali Wong, Carolin Kebekus—zeigen, wie Stand-up Comedy zur buchstäblichen Bühne für Popfeminismus werden kann. Dabei werden Themen und Strategien eine Rolle spielen, über die Comedians eine Version von Popfeminismus erzeugen, ihn performen, und dabei zwischen Selbst-/Herabsetzung und Provokation changieren. Welche Erwartungshaltungen an Stand-up Comedians spielen hierbei eine Rolle? Welche Rollenzuschreibungenund Erwartungen an Weiblichkeit? Spätestens, wenn Comedians über Fäkalien und allerlei Körpersäfte sprechen, überschreiten sie gesellschaftliche Tabus. Ist das dann Feminismus?

 

Sonja Eismann (Missy Magazine, Berlin)

 

Der Vortrag beleuchtet Verbindungen und Abstoßungen zwischen Mode, Feminismus und Weiblichkeit. Er wirft ein kurzes Schlaglicht auf deren historischen Verlauf und darin sich zeigende gesellschaftliche Funktionen von Mode. Im Mittelpunkt stehen aber aktuelle popkulturelle Entwicklungen. Der Vortragt stellt modische Farb- und Weiblichkeitskonzepte der Gegenwart wie Vanilla Girl, Clean Girl und Barbiecore vor. Er widmet sich dabei auch aktuellen Core-Ästhetiken auf TikTok in Form von Girliness und Hyperfeminität, seien es die Riot-Grrrl- oder Y2K-Retroformen oder Balletcore. Wie wird Weiblichkeit in diesen Ästhetiken performiert? Wie ist ihr Verhältnis zum Feminismus zu bestimmen?

 

Änderung des Ortes: Alfried Krupp Kolleg Greifswald, Martin-Luther-Straße 14


Ringvorlesung des IZfG im Sommersemester 2025

Data Feminism – Perspektiven aus Kultur, Medizin & Informatik

 

Ort: Rubenowstr. 3, Hörsaal*

*Ausnahme: 3. Juni

Zeit: 18 Uhr c.t., genaue Daten entnehmen Sie bitte unten

Organisation: Dr. Jenny Linek

 

Unzählige Daten werden tagtäglich generiert, ob beim Einkauf, bei der Onlinerecherche, beim Reisen, durch die Nutzung von Spracherkennungssoftware, in Bewerbungsverfahren, in sozialen Netzwerken, im Krankenhaus oder bei Versicherungs- und Bankangelegenheiten. Der Großteil der davon betroffenen Personen hat jedoch wenig Kenntnis davon, wie und mit welchen Absichten diese Daten generiert und verwertet werden. Der Einsatz von algorithmischen Computerprogrammen, die auf Grundlage dieser Daten eine Auswahl treffen und Entscheidungen vorwegnehmen, wird im Alltag kaum hinterfragt, geht er doch mit dem Versprechen auf absolute Objektivität und hohe Effizienz einher. Krankheiten sollen besser behandelt werden können, wenn große Mengen an Personendaten automatisiert ausgewertet werden, Personalverfahren gerechter gestaltet, wenn keine menschliche Emotion und Voreingenommenheit einfließen. Wie realistisch sind aber diese Versprechen? Welcher Raum bleibt für die kritische Prüfung von mathematischen Modellen, wenn diese per se als neutrale Instanzen gelten? 

 

Bücher wie Weapons of Math Destruction (2016) von Cathy O'Neil, Unsichtbare Frauen (2020) von Caroline Criado-Perez und Data Feminism (2020) von Catherine D'Ignazio und Lauren F. Klein haben in den vergangenen Jahren eindrücklich dargestellt, wie wichtig es für die Geschlechterforschung ist, sich mit der Systematik von Daten zu beschäftigen. Wie die Autorinnen zeigen, drohen sich bestehende soziale Ungleichheiten in „eine[r] Welt, die immer stärker auf Daten basiert und immer stärker von Daten beherrscht wird“ (Criado-Perez), massiv zu verschärfen, wenn wir uns nicht darum kümmern, feministische und intersektionale Ansätze in die Forschung und Entwicklung von Algorithmen und Apps einzubeziehen. Die Zahlen von Softwaresystemen sprechen keine klare und vor allem keine neutrale Sprache, solange in deren Datengrundlage Ausblendungen, Vorurteile und Verzerrungen mit einfließen, die von Algorithmen reproduziert werden.

 

Die diesjährige IZfG-Ringvorlesung setzt an diesem Punkt an und versammelt im Sommersemester 2025 interne und externe Expert*innen aus Data Science, Soziologie, Kulturwissenschaft, Medizininformatik, Philosophie und Medizinethik. Das IZfG lädt mit dieser Veranstaltungsreihe Expert*innen aus einer Bandbreite relevanter Fachbereiche ein und bietet somit auch gezielt wichtige Impulse für Studierende und Forschende über Fächergrenzen hinweg.

 

Zu den zentralen Anliegen der Ringvorlesung wird es entsprechend gehören, Fragen wie die folgenden zu adressieren: Welche Impulse kann die Geschlechterforschung für die Digitalisierung und Fachbereiche mit datengestützter Forschung geben? Inwiefern werden Verzerrungen und Stereotypisierungen bei der Entwicklung von KI konkret sichtbar? Wie werden diese Phänomene aus den Kulturwissenschaften wahrgenommen und reflektiert? Welche Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit sind sinnvoll und lassen die Potentiale von Big Data und KI für alle gleichermaßen nutzbar machen? 

 

Literatur: 

  • Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, München 2020.
  • D'Ignazio, Catherine/ Klein, Lauren F.: Data Feminism. Cambridge u.a. 2020.
  • O'Neil, Cathy: Weapons of Math Destruction. Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy, New York 2016

 

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

 

Vortragende: Dr. Ute Kalender, Hamburg

 

Seit Entstehung der Geschlechterforschung bildet die Medizin eines ihrer zentralen Forschungsobjekte und Interventionsziele – haben die Medizin und anverwandte Fachgebiete doch bis heute eine immense Definitionsmacht für die Frage, wie wir Geschlecht verstehen, wie Geschlechter geformt werden, welche geschlechtlichen Körper geboren werden und welche nicht. Mit der Digitalisierung und Datafizierung der Medizin erhalten diese Problematiken eine neue Dringlichkeit und werden in digitalen Feminismen und Data Feminismen weitergeführt, aktualisiert und transformiert. Der Vortrag gibt einen einführenden Überblick über das breite Feld der digitalen und Data Feminismen. Ein besonderer Fokus wird auf das Thema Intersektionalität gelegt. Am Beispiel von Gender und Künstlicher Intelligenz werden die aufgeworfenen Gendertheorien schließlich praktisch vertieft und anschaulich skizziert. 

 

Vortragende: Prof. Dr. Regina Schober, Düsseldorf

 

Versuche, sich selbst zu beschreiben, zu formen und zu verstehen, finden im digitalen Zeitalter immer häufiger unter den Vorzeichen der Quantifizierung und der Algorithmisierung statt. Formen des 'life-writing', wie etwa Briefe, Tagebücher und Biographien werden zunehmend durch digitale Erfassung biometrischer Daten (self-tracking) und algorithmisch gestützte Selbstgestaltung (z.B. bei Influencer:innen) ergänzt bzw. ersetzt. Solche Verschiebungen in den medialen Praktiken der Selbstformung sind auch aus feministischer Perspektive relevant, da sie Machtrelationen, Fragen des Zugangs und der Performativität von Geschlechterrollen neujustieren. Solche Fragen werden in besonderem Maße in autofiktionalen Romanen der Gegenwart verhandelt, die sich kritisch mit den Logiken der digitalen Selbstvermessung, -regulierung und -optimierung auseinandersetzen. Der Vortrag wird in Bezug auf exemplarische literarische Texte die Frage diskutieren, wie sich Literatur in Bezug zu algorithmischen und quantitativen Praktiken der Selbstformung verhält, und sich dabei einerseits auf digitale Logiken beruft, andererseits als kritischer Gegenentwurf in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie positioniert.

 

Vortragende: Prof. Dr. Kristina Yordanova (Greifswald)

 

There are different types of data, such as textual, video, image or sensor data that are used for training artificial intelligence (AI) models. These data are almost always biased in a certain way. Some examples of bias are gender, ethnical or age-related bias. The bias in the data is then integrated in the AI system and it in turn acts and makes decisions according to the data (and bias) it was trained with. As AI, with its sub-field of machine learning (ML) gets more and more popular and AI applications become part of our everyday life, it is very important to mitigate the effect of bias. In this talk I first discuss how bias is introduced in the data and later on in AI systems. I will then illustrate this with some examples of AI systems and how they are affected by gender bias. Finally, I will discuss strategies for mitigating (gender) bias in AI systems.  

 

 

Vortragender: Sebastian Laacke M.A., Greifswald

 

Verzerrungen können sich in medizinischen KI-Systemen auf verschiedenen Ebenen manifestieren: in den Trainingsdaten, im Design der Algorithmen oder auch in KI-basierten Entscheidungssituationen, in denen die epistemische (d.h. wissensbezogene) Autorität von Patient*innen, Ärzt*innen und technischen Systemen je neu ausgehandelt werden muss. Sind diese Verzerrungen geschlechtsbezogen, sprechen wir von Gender Bias. Der Vortrag geht anhand von Beispielen aus der Medizin und der psychischen Gesundheit der ethischen Frage nach, warum Gender Bias in medizinischen KI-Systemen eigentlich so problematisch ist und versucht anhand von ethischen Theorien und Konzepten einen Beitrag zur argumentativen Untermauerung unserer moralischen Intuitionen zu leisten.

 

Digitaler Vortrag + Workshop, Anmeldungen bitte unter: halloluisegoerlachde

Vortragende: Luise Görlach M.A., Weimar

 

Die Veranstaltung widmet sich der Digital Gender Gap, also dem ungleich verteilten Grad an Digitalkompetenz zwischen Männern und FLINTA*. Die Initiative D21, die jährlich den D21-Digital-Index veröffentlicht, untersucht die digitale Gesellschaft Deutschlands und beleuchtet unter anderem geschlechtsspezifische Unterschiede in der digitalen Teilhabe. Der Index analysiert vier zentrale Bereiche: digitale Kompetenz, Zugang zu digitalen Technologien, Nutzungsverhalten und Offenheit gegenüber Digitalisierung, die entscheidend sind, um die digitale Chancengleichheit zu bewerten.

Gemeinsam beleuchten wir die Ursachen und Faktoren, die für diese ungleiche Kompetenzverteilung verantwortlich sind, reflektieren dabei unser eigenes Umfeld und überlegen zunächst theoretisch, wie wir diesem Phänomen gerade im Arbeitskontext entgegenwirken können. Beispielsweise zeigt sich, dass Frauen seltener Cloud-Dienste nutzen, weniger Zugang zu beruflicher IT-Ausstattung haben und häufiger Opfer von Cybermobbing werden als Männer. Zudem betrachten wir, inwiefern diese Kompetenzlücke gerade FLINTA* anfälliger für algorithmische Diskriminierung und verschiedene Formen der digitalen Gewalt, wie beispielsweise Cyberstalking, macht.

Im praktischen Teil erproben wir einfache Schritte, um mehr Kontrolle über die eigenen Daten zu erhalten und somit besser gegen kommerzielle und kriminelle Ausbeutung unseres Digitalen Ichs gewappnet zu sein. Ziel des Workshops ist es, die Digitalkompetenz bei FLINTA* zu stärken, um sie zu befähigen, digital selbstbestimmter zu agieren und sich vor Diskriminierung sowie Übergriffen im digitalen Raum besser zu schützen.

 

Dieser Vortrag findet um 18:00 im Hörsaal des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs statt (Martin-Luther- Str. 14, 17489 Greifswald)

Vortragende: Dr. Corinna Bath, Essen

 

Klassifikationen wie gesund/krank sind Grundlage medizinischer Diagnosen und gleichzeitig Voraussetzung informatischer Modellierung. Was passiert, wenn sich die Politiken der Klassifikation der Medizin mit denen der Informatik wie bei KI-basierten Apps zur gesundheitlichen Diagnose miteinander verschränken?

Am Beispiel der Ergebnisse eines praxeologisch-empirischen Forschungsprojekts zur Entwicklung und Nutzung dieser Apps möchte ich im Vortrag diskutieren, wie Klassifikationen nicht nur zur Objektivierung und zu Diskriminierungen beitragen, sondern Uneindeutigkeit, Lücken und Widersprüche offenbaren, die von Entwickler*innen und Nutzer*innen Anpassungsarbeit erfordern.

 

Vortragende: Prof. Dr. Dagmar Waltemath/Lea Schindler (Greifswald)

Frauen haben andere medizinische Notwendigkeiten als Männer. Oftmals fehlt uns jedoch Wissen darüber, wie Frauen gut behandelt werden können, was zu schlechteren Behandlungsergebnissen führen kann. Da evidenzbasierte Medizin sich auf in Studien und der klinischen Routine erhobene Daten stützt, ist es umso wichtiger, Geschlecht von Beginn des Forschungsprozesses und in allen folgenden Schritten der Datenverarbeitung mitzudenken. Im Vortrag werden verschiedene Möglichkeiten der Erhebung von Geschlechterinformationen angesprochen, und wir werden gemeinsam diskutieren, wie das Bewusstsein für Geschlechtersensible Daten in der Medizin gestärkt werden könnte.

 


Ringvorlesung des IZfG im Sommersemester 2026

Feministische Epistemologien. Wissen, Macht, Geschlecht

Ort: Rubenowstr. 3, Hörsaal*

*Ausnahme: 23. Juni

Zeit: 18 Uhr c.t., genaue Daten entnehmen Sie bitte unten

Konzept und Moderation: Jun.Prof. Dr. Elisabeth Flucher, Prof. Dr. Katrin Horn

Den digitalen Zugang zu den hybriden Vorlesungen finden Sie hier oder im Moodle Kurs IZfG - digital.

 

Feministische(s) Wissen(schaft) steht derzeit häufig im Zentrum politischer und gesellschaftlicher Kontroversen. Mal wird den Gender Studies die Wissenschaftlichkeit aberkannt, mal wird jede Form der Berücksichtigung von Differenzkriterien in der Wissensproduktion und -vermittlung als Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit verstanden. Zu selten jedoch gibt es in der öffentlichen Diskussion Raum für die inhaltliche Beschäftigung der Gender und Queer Studies mit dem Verhältnis von Wissen, Macht und Geschlecht. Die interdisziplinären Ringvorlesung „Feministische Epistemologien“ will dementgegen einen differenzierten Blick auf dieses Themenfeld und seine theoretischen und praktischen Nuancen eröffnen.

Tatsächlich sind Wissen, Wahrheit und Wissenschaft seit den 1970ern Kerninteressen der Gender und Queer Studies. So versteht ich feministische Kritik nicht als bloße Ergänzung oder Einschreibung marginalisierter Positionen in die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurse, sondern als grundlegende Kritik an der „Produktion, Verarbeitung und Weitergabe von Wissen“ (Hoppe/Vogelmann 2024: 11). Einen solchen prinzipiellen und universellen Anspruch der erkenntnistheoretischen Kritik belegen die in sich diversen Theorieansätze der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zu situiertem Wissen (und der Kritik daran), epistemischer Gerechtigkeit (Fricker), feministischer Wissenschaftsphilosophie (Richardson), New Materialism und Posthumanism.

Vor diesem Hintergrund geben die Vorträge der Ringvorlesung aus interdisziplinärer und internationaler Sicht einen Einblick in aktuelle Diskurse und Kontroversen.

 Literatur:

Katharina Hoppe und Frieder Vogelmann (Hg.): Feministische Epistemologien. Ein Reader, Berlin 2024.

 

Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:

Vortragende: Karen Adkins (Denver)

For almost two decades (Fricker 2007), feminist theory has revealed and critiqued the double standard applied to women's testimony. But both public scandals (Harvey Weinstein, Jeffrey Epstein) and daily news make it plain that public practices and structures have yet to catch up to the problems of testimonial injustice, particularly when the talk is about sexual violence. This talk will both sketch and explain the gap between credibility in theory versus practice, and also discuss the precarity of feminist responses to credibility gaps.

Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.

Vortragende: Nacim Ghanbari (Siegen)

In den Jahren 1974 und 1979 macht eine jeweils unterschiedlich zusammengesetzte Gruppe westlich sozialisierter Feminist*innen eine Reise nach Iran. Der geplante Vortrag beleuchtet den politischen Hintergrund der jeweiligen Reise, untersucht die Reiseberichte und rekonstruiert den kommunikativen Rahmen der Kontaktaufnahme. 
Was wussten die reisenden Feminist*innen über Iran, Frauenrechte in Iran und die iranische Frauenbewegung? Was wussten sie nicht? Und was wussten die iranischen Gastgeber*innen über den Wissensstand der feministischen Gäste?

Vortragende: Mariacarla Gadebusch Bondio (Bonn)

Die Feststellung, dass Geschlechterdifferenzen eine vielschichtige Rolle in der Medizin spielen, hat epistemische und ethische Folgen. Richtet man einen kritischen Blick auf die Entwicklung von Forschungsfragen, auf die Generierung von Evidenz in der klinischen Forschung oder auf die Deutung und Weitergabe von Wissensbeständen, fällt auf, dass in ihrer jeweiligen historischen Einbettung diese sozioepistemischen Praktiken keineswegs geschlechtsneutral sind. In dem Beitrag werden am kontroversen Thema der Klitorisrekonstruktion nach FGM/C (Female genital mutilation/cutting) die epistemische Fragilität und ethische Tragweite vermeintlicher Evidenz ausgelotet. 

Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.

Vortragende: Denise Bergold-Caldwell (Innsbruck)

Im Mittelpunkt des Vortrags steht die kritische Analyse, wie (post-)koloniale Machtstrukturen und eurozentrische Narrative weiterhin Bildungsprozesse und die Produktion von Wissen beeinflussen. Ausgehend von der Annahme, dass Wissen nicht neutral ist, sondern durch soziale, politische und historische Kontexte geprägt wird, werden alternative Ansätze vorgestellt, die marginalisierte Stimmen und Erfahrungen in den Vordergrund rücken. Die schwarzfeministische Perspektive erweitert diesen Rahmen, indem sie intersektionale Fragestellungen – etwa die Verflechtung von Rassismus, Sexismus und weiteren Diskriminierungsformen – konsequent in die Analyse einbezieht. Ziel des Vortrags ist es, die Bedeutung von Dekolonisierung in Bildungsinstitutionen und der Wissenschaft zu betonen und aufzuzeigen, wie Empowerment und gerechtere Formen der Wissensproduktion möglich werden. Der Vortrag lädt dazu ein, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen, und eröffnet einen Raum für die Diskussion über transformative Bildungspraktiken.

Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.

Vortragende: Rebekka Hufendieck (Ulm)

Der Vortrag gibt einen Einblick in zentrale Linien der feministischen Wissenschaftstheorie und zeigt, warum wissenschaftliche Erkenntnis nicht jenseits von Werten entsteht. Ausgehend von Ansätzen, die epistemische Standpunkte, soziale Positioniertheit und Machtasymmetrien ins Zentrum rücken, rekonstruiert er, wie Werte wissenschaftliche Fragen lenken, Methoden formen und Evidenzrahmen verschieben. Am Beispiel von Dominanzhierarchien wird verdeutlicht wie soziale Ungleichheiten sowohl Gegenstand als auch verborgene Bedingung der Wissensproduktion sein können.

Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.

Vortragende: Olga Plakhotnik (Greifswald/Bielefeld)

Why should activists and policy practitioners be concerned with epistemologies - the underpinning assumptions guiding our decisions? Where does the power of epistemologies come from? How does coloniality matter in queer feminist theorizing and its practical implications today? Drawing on the examples of my projects from/about Ukraine, we will reflect together on how the contemporary colonial power shapes knowledge and subjectivities.

Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.

Dieser Vortrag findet um 18 Uhr im Hörsaal des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs (Martin-Luther- Straße 14, 17489 Greifswald) statt.

Vortragende: Martina Wernli (Berlin)

Epochenüberblicke, Literaturgeschichten und Schulbücher kommen oft ohne Autorinnen um 1800 aus – die Studierenden kennen dann Schriftsteller wie E.T.A. Hoffmann, Novalis, Eichendorff oder Friedrich Schlegel. Die feministische Literaturwissenschaft hat aber zwischen 1980 und 2000 zu Autorinnen wie Dorothea Schlegel, Rahel Levin Varnhagen, Sophie Tieck oder Karoline von Günderrode geforscht und publiziert. Diese Forschung ist mittlerweile größtenteils vergriffen, die Werke der Schriftstellerinnen wurden immer noch nicht ediert – die Folge ist, dass sie nur mit größerem Aufwand Eingang in die Lehre finden. Welche Mechanismen spielen hier eine Rolle und wie lassen sich diese Dynamiken durchbrechen? Der Vortrag stellt einzelne Autorinnen und Werkauszüge vor, stellt die Lage der Forschung darf und reflektiert das Verhältnis von traditionellerer Literaturwissenschaft und aktivistischen Projekten wie etwa dem offenen Netzwerk #breiterkanon.

Vortragender: Eric Llaveria Caselles (Berlin)

Als die bekannten Neonazis Marla-Svenja Liebich und Waltraud Gerhard Piranty kurz vor ihren Haftantritten ihr Geschlecht amtlich ins Weibliche ändern ließen, entfalteten sich breite Diskussionen in Deutschland und Österreich. Die Lager spalten sich daran, inwiefern diese Fälle eine Einschränkung des Prinzips geschlechtlicher Selbstbestimmung notwendig machen oder nicht. Übergreifend ist dabei ein Verdacht, dass es sich in beiden Fällen um einen Missbrauch dieses Prinzips handelt. Die Prämisse des Vortrags ist, dass die Kategorie des Missbrauchs aus transfeministischer Perspektive eine Falle darstellt: die Kategorie führt eine Grenze zwischen legitimen und illegitimen Formen geschlechtlicher Selbstbestimmung ein, was die Fragen aufwirft, wie und wer diese Grenze zu bestimmen hat. Andererseits scheint das Aufgeben der Kategorie des Missbrauchs vor dem Hintergrund strategischer Angriffe unzufriedenstellend. In dem Vortrag rekonstruiere ich diese Zwickmühle als Herausforderung transfeministischer Epistemologien, um nach der Möglichkeit anderer Verwendungen der Kategorie des Missbrauchs zu fragen.

Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.

Vortragende: Kathrin Busch (Berlin)

Spätestens seit der écriture féminine wird in der Theorie mit situierten Schreibverfahren experimentiert. Inzwischen hat sich für sie der Begriff „Autotheorie“ etabliert. Er akzentuiert, das Erschreiben des eigenen Selbst als epistemisches Verfahren. Der Vortrag möchte die Genealogie der heutigen Autotheorien nachzeichnen, das zugrundeliegende Verständnis vom Selbst klären und die Rolle der Selbstschwächung für Wissenspraktiken in den Blick nehmen.