Feministische Epistemologien. Wissen, Macht, Geschlecht
Ringvorlesung des IZfG im Sommersemester 2026
Ort: Rubenowstr. 3, Hörsaal*
*Ausnahme: 23. Juni
Zeit: 18 Uhr c.t., genaue Daten entnehmen Sie bitte unten
Konzept und Moderation: Jun.Prof. Dr. Elisabeth Flucher, Prof. Dr. Katrin Horn
Den digitalen Zugang zu den hybriden Vorlesungen finden Sie hier oder im Moodle Kurs IZfG - digital.
Feministische(s) Wissen(schaft) steht derzeit häufig im Zentrum politischer und gesellschaftlicher Kontroversen. Mal wird den Gender Studies die Wissenschaftlichkeit aberkannt, mal wird jede Form der Berücksichtigung von Differenzkriterien in der Wissensproduktion und -vermittlung als Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit verstanden. Zu selten jedoch gibt es in der öffentlichen Diskussion Raum für die inhaltliche Beschäftigung der Gender und Queer Studies mit dem Verhältnis von Wissen, Macht und Geschlecht. Die interdisziplinären Ringvorlesung „Feministische Epistemologien“ will dementgegen einen differenzierten Blick auf dieses Themenfeld und seine theoretischen und praktischen Nuancen eröffnen.
Tatsächlich sind Wissen, Wahrheit und Wissenschaft seit den 1970ern Kerninteressen der Gender und Queer Studies. So versteht ich feministische Kritik nicht als bloße Ergänzung oder Einschreibung marginalisierter Positionen in die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurse, sondern als grundlegende Kritik an der „Produktion, Verarbeitung und Weitergabe von Wissen“ (Hoppe/Vogelmann 2024: 11). Einen solchen prinzipiellen und universellen Anspruch der erkenntnistheoretischen Kritik belegen die in sich diversen Theorieansätze der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zu situiertem Wissen (und der Kritik daran), epistemischer Gerechtigkeit (Fricker), feministischer Wissenschaftsphilosophie (Richardson), New Materialism und Posthumanism.
Vor diesem Hintergrund geben die Vorträge der Ringvorlesung aus interdisziplinärer und internationaler Sicht einen Einblick in aktuelle Diskurse und Kontroversen.
Literatur:
Katharina Hoppe und Frieder Vogelmann (Hg.): Feministische Epistemologien. Ein Reader, Berlin 2024.
Hier finden Sie Informationen zu den einzelnen Vorträgen:
Vortragende: Karen Adkins (Denver)
For almost two decades (Fricker 2007), feminist theory has revealed and critiqued the double standard applied to women's testimony. But both public scandals (Harvey Weinstein, Jeffrey Epstein) and daily news make it plain that public practices and structures have yet to catch up to the problems of testimonial injustice, particularly when the talk is about sexual violence. This talk will both sketch and explain the gap between credibility in theory versus practice, and also discuss the precarity of feminist responses to credibility gaps.
Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.
Vortragende: Nacim Ghanbari (Siegen)
In den Jahren 1974 und 1979 macht eine jeweils unterschiedlich zusammengesetzte Gruppe westlich sozialisierter Feminist*innen eine Reise nach Iran. Der geplante Vortrag beleuchtet den politischen Hintergrund der jeweiligen Reise, untersucht die Reiseberichte und rekonstruiert den kommunikativen Rahmen der Kontaktaufnahme.
Was wussten die reisenden Feminist*innen über Iran, Frauenrechte in Iran und die iranische Frauenbewegung? Was wussten sie nicht? Und was wussten die iranischen Gastgeber*innen über den Wissensstand der feministischen Gäste?
Vortragende: Mariacarla Gadebusch Bondio (Bonn)
Die Feststellung, dass Geschlechterdifferenzen eine vielschichtige Rolle in der Medizin spielen, hat epistemische und ethische Folgen. Richtet man einen kritischen Blick auf die Entwicklung von Forschungsfragen, auf die Generierung von Evidenz in der klinischen Forschung oder auf die Deutung und Weitergabe von Wissensbeständen, fällt auf, dass in ihrer jeweiligen historischen Einbettung diese sozioepistemischen Praktiken keineswegs geschlechtsneutral sind. In dem Beitrag werden am kontroversen Thema der Klitorisrekonstruktion nach FGM/C (Female genital mutilation/cutting) die epistemische Fragilität und ethische Tragweite vermeintlicher Evidenz ausgelotet.
Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.
Vortragende: Denise Bergold-Caldwell (Innsbruck)
Im Mittelpunkt des Vortrags steht die kritische Analyse, wie (post-)koloniale Machtstrukturen und eurozentrische Narrative weiterhin Bildungsprozesse und die Produktion von Wissen beeinflussen. Ausgehend von der Annahme, dass Wissen nicht neutral ist, sondern durch soziale, politische und historische Kontexte geprägt wird, werden alternative Ansätze vorgestellt, die marginalisierte Stimmen und Erfahrungen in den Vordergrund rücken. Die schwarzfeministische Perspektive erweitert diesen Rahmen, indem sie intersektionale Fragestellungen – etwa die Verflechtung von Rassismus, Sexismus und weiteren Diskriminierungsformen – konsequent in die Analyse einbezieht. Ziel des Vortrags ist es, die Bedeutung von Dekolonisierung in Bildungsinstitutionen und der Wissenschaft zu betonen und aufzuzeigen, wie Empowerment und gerechtere Formen der Wissensproduktion möglich werden. Der Vortrag lädt dazu ein, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen, und eröffnet einen Raum für die Diskussion über transformative Bildungspraktiken.
Vortragende: Rebekka Hufendieck (Ulm)
Der Vortrag gibt einen Einblick in zentrale Linien der feministischen Wissenschaftstheorie und zeigt, warum wissenschaftliche Erkenntnis nicht jenseits von Werten entsteht. Ausgehend von Ansätzen, die epistemische Standpunkte, soziale Positioniertheit und Machtasymmetrien ins Zentrum rücken, rekonstruiert er, wie Werte wissenschaftliche Fragen lenken, Methoden formen und Evidenzrahmen verschieben. Am Beispiel von Dominanzhierarchien wird verdeutlicht wie soziale Ungleichheiten sowohl Gegenstand als auch verborgene Bedingung der Wissensproduktion sein können.
Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.
Vortragende: Olga Plakhotnik (Greifswald/Bielefeld)
Why should activists and policy practitioners be concerned with epistemologies - the underpinning assumptions guiding our decisions? Where does the power of epistemologies come from? How does coloniality matter in queer feminist theorizing and its practical implications today? Drawing on the examples of my projects from/about Ukraine, we will reflect together on how the contemporary colonial power shapes knowledge and subjectivities.
Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.
Dieser Vortrag findet um 18 Uhr im Hörsaal des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs (Martin-Luther- Straße 14, 17489 Greifswald) statt.
Vortragende: Martina Wernli (Berlin)
Epochenüberblicke, Literaturgeschichten und Schulbücher kommen oft ohne Autorinnen um 1800 aus – die Studierenden kennen dann Schriftsteller wie E.T.A. Hoffmann, Novalis, Eichendorff oder Friedrich Schlegel. Die feministische Literaturwissenschaft hat aber zwischen 1980 und 2000 zu Autorinnen wie Dorothea Schlegel, Rahel Levin Varnhagen, Sophie Tieck oder Karoline von Günderrode geforscht und publiziert. Diese Forschung ist mittlerweile größtenteils vergriffen, die Werke der Schriftstellerinnen wurden immer noch nicht ediert – die Folge ist, dass sie nur mit größerem Aufwand Eingang in die Lehre finden. Welche Mechanismen spielen hier eine Rolle und wie lassen sich diese Dynamiken durchbrechen? Der Vortrag stellt einzelne Autorinnen und Werkauszüge vor, stellt die Lage der Forschung darf und reflektiert das Verhältnis von traditionellerer Literaturwissenschaft und aktivistischen Projekten wie etwa dem offenen Netzwerk #breiterkanon.
Vortragender: Eric Llaveria Caselles (Berlin)
Als die Neonazi-Aktivistin Marla-Svenja Liebich kurz vor ihrem Haftantritt ihr Geschlecht amtlich ins Weibliche ändern ließ, fühlten sich viele Kritiker:innen des Selbstbestimmungsgesetz in ihre Befürchtungen bestätigt. Die teilweise anerkannte Einsicht, dass es in dem Fall kein Handlungsbedarf von Seiten des Staates besteht, milderte nichts an der Infragestellung des Selbstbestimmungsgesetz in Medien und Parlament. Denn Liebich existierte in der Öffentlichkeit lange vor ihrer konkreten Materialisierung als das Phantasma der Bedrohung von cis Frauen und der Irrealität von trans Identität. In dem Beitrag nehme ich die Causa Liebich zum Anlass die Frage zu stellen, wie die politische Wirkmächtigkeit und gefühlte Plausibilität von anti-trans Narrative geschlechtertheoretisch verstanden und (trans)feministisch bearbeitet werden können. Aufbauend auf verfügbaren Deutungen gegenwärtiger transfeindlicher Angriffe, gehe ich die These nach, dass trans Lebensweisen durch eine besondere gesellschaftliche Prekarität konstituiert sind, die in trans-affirmativen Kategorien von Geschlechtsidentität und Selbstbestimmung und Analysen von Transfeindlichkeit jedoch nicht kritisch aufgehoben wird, sondern darin fortgesetzt werden. Zum Schluss werden Überlegungen zur Bearbeitung dieser Problemstellung zur Diskussion gestellt.
Dieser Vortrag findet in hybrider Form statt.
Vortragende: Kathrin Busch (Berlin)
Spätestens seit der écriture féminine wird in der Theorie mit situierten Schreibverfahren experimentiert. Inzwischen hat sich für sie der Begriff „Autotheorie“ etabliert. Er akzentuiert, das Erschreiben des eigenen Selbst als epistemisches Verfahren. Der Vortrag möchte die Genealogie der heutigen Autotheorien nachzeichnen, das zugrundeliegende Verständnis vom Selbst klären und die Rolle der Selbstschwächung für Wissenspraktiken in den Blick nehmen.
