Wie weiblich war die Universität Greifswald?
Die Ausstellung und Kolloquium „Berufungsreserve. Studierende und lehrende Frauen an der Universität Greifswald 1945 bis 1975“ fand im Rahmen des Universitätsjubiläums 2006 statt und beschäftigte sich mit der Rolle von Frauen an der Universität Greifswald zwischen 1945 und 1975. Im Mittelpunkt standen Frauen, die in dieser Zeit an der Universität studierten, lehrten und das akademische Leben mitprägten.
Die von der Historikerin Dr. Petra Clemens und dem Ausstellungsgestalter Wolf Leo konzipierte Ausstellung zeigte, mit welchen Chancen und Herausforderungen Frauen in Studium und Wissenschaft konfrontiert waren. Neben historischen Dokumenten wurden auch persönliche Erinnerungen von Zeitzeuginnen einbezogen. Vorträge und eine Podiumsdiskussion ergänzten die Ausstellung und boten Raum für die Auseinandersetzung mit der Situation von Frauen an der Universität.
Am 01. November um 19 Uhr wurde zur Ausstellungseröffnung geladen im Institut der Deutschen Philologie durch Prof. Matthias Schneider (Dekan der Philosophischen Fakultät), Dr. Petra Clemens (Ausstellungserarbeitung) und Dr. Monika Schneikart (Projektleiterin) Zu sehen war die Ausstellung vom 02. Novemberbis zum 01. Dezember 2006.
Zur Ausstellung
In der DDR waren Ende der 1980er Jahre 59 % der Studierenden und fast die des wissenschaftlichen Fachpersonals weiblich. 38% der Promovierten und 15 % der Habilitanden waren Frauen. Während mit diesen Zahlen der Frauenanteil in Studium und Wissenschaft deutlich höher lag als in der BRD (hier 41.26 und 9%), hielt sich der Anteil von Frauen an der Professorenschaft in Ost und West mit 5% gleich niedrig.
Im ersten Jahrzehnt der DDR konzentrierten sich politischer Wille und staatliche Maßnahmen zur Öffnung von akademischer Ausbildung und Laufbahn auf die soziale Herkunft und nicht auf das Geschlecht (exemplarisch: Arbeiter- und Bauern-Fakultät). Der Aufbruch von Frauen in Studium und Wissenschaft erfolgte erst am Ende der 50er Jahre, nachdem die Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs, die klassenmäßige Umstrukturierung der Universitäten, der soziale Austausch in der Hochschullehrerschaft vollzogen waren. In der Konsequenz einer ungleichzeitigen Förderung von Frauen konnten diese ihre gleichen Bildungsmöglichkeiten nicht mehr mit gleichen Berufchancen koppeln. Die hochrangigen Positionen an den Universitäten waren mit den männlichen sozialen Aufsteigen der jüngeren DDR-Aufbaugeneration besetzt. Die Bildung- und Qualifikationsoffensive der 1960er Jahre, die das propagierte Ziel und bekundete Versprechen der Gleichberechtigung von Frauen verstärkt einlösen sollte und zugleich Lücken füllen musste, die gerade auch im akademischen Bereich durch die Westabwanderungen entstanden waren, integrierte Frauen vor allem auf der unteren und mittleren Ebene des Wissenschaftsbetriebes.
Wie vollzogen sich die Prozesse an der Universität Greifswald? Der Frage nach der Situation und Rolle von Frauen an der Universität Greifswald für die Zeit nach dem Krieg und die ersten zwei Jahrzehnte der DDR wurde in der Ausstellung auch mit alltagsgeschichtlichen und biografischen Ansätzen nachgegangen.
Petra Clemens
Kolloquium: 02. November 2006
14:30-18:00 Uhr
öffentliches Kolloquium
im Institut für Deutsche Philologie,
Rubenowstr. 3, Raum 2.10
Wie weiblich war und ist die Universität?
14:30 Uhr: Karin Ritthaler, Greifswald
“Annahme von Studentinnen bei der Universität nicht zulässig”. Über den Kampf um Zulassung von Frauen an der Universität Ende des 19. Jahrhunderts
15:00 Uhr: Karen Flügge, Greifswald
“Für die wissenschaftliche Arbeit lebte, arbeitete und stritt sie mit weiblicher Hingabe und Leidenschaft, aber mit männlichem Verstand”. Klothide Gollwitzer-Meyer, die erste Dozentin in Greifswald
15:30 Uhr: Stephanie Scharfhirt, Darmstadt
Die Lehrenden an der ABF Greifswald. Eine sozialstrukturelle Beschreibung der ABF-Dozentinnen
16:00 Uhr: Petra Clemens, Schönfeld
Studierende und lehrende Frauen an der Universität Greifswald nach 1945 - Resümee eines Foschungs- und Ausstellungsprojektes
Pause
16:45 Uhr: Im Dialog
Podiumsgespräch mit Zeitzeuginnen
Zu Gast sind:
Hella Brock (Leipzig, Professorin für Musikerziehung,) Aufbau des Greifswalder Instituts in den 60er Jahren
Elisabeth Günther (Greifswald, Professorin für Genetik,) Studium und Hochschullehrerlaufbahn an der Universität Greifswald 1946-1986
Annemarie Meuche (Greifswald, Studentin Kunstgeschichte und Archäologie 1953-1957)
Un_sichtbar – Lesben, Schwule und trans* Menschen in Mecklenburg-Vorpommern

Das Modellprojekt „un_sichtbar“ von Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e. V. macht die Geschichte und Lebensrealitäten lesbischer, schwuler und trans* Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sichtbar. Im Mittelpunkt stehen Erfahrungen von Ausgrenzung, Verfolgung und Diskriminierung ebenso wie Handlungsspielräume und Formen des Widerstands – von der Kaiserzeit über den Nationalsozialismus und die DDR bis in die Gegenwart.
Auf Grundlage von Archivrecherchen und Zeitzeug*inneninterviews entstand die Wanderausstellung „Wir hier! Lesbisch, schwul und trans zwischen Hiddensee und Ludwigslust“**. Jugendliche und junge Erwachsene waren an Recherche und Gestaltung beteiligt. Das Projekt verbindet historische Forschung, Erinnerungskultur und partizipative Bildungsarbeit. Zu den Partner*innen gehörte unter anderem auch das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung (IZfG) der Universität Greifswald; das Projekt entstand in Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung.
mehr zum Projekt: un_sichtbar - Lola für Demokratie
Förderung
Das Projekt wurde durch die Dreilinden gGmbH sowie von 2014–2019 durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert.



Zwischen TrohnSaal und Frawenzimmer Fürstinnenkultur
weibliche Handlungsspielräume und Herrschaftspraxis im frühneuzeitlichen Pommern


Zwischen TrohnSaal und Frawenzimmer
Anliegen: Das Projekt, im November 2011 begonnen, hat das Ziel, auf die frühneuzeitliche Fürstinnen-Kultur im Herzogtum Pommern, mit Schwerpunkt auf Pommern-Wolgast, aufmerksam zu machen.
Das heißt im Einzelnen:
1. Entdeckung und Sichtbarmachung eines unbekannten Terrains unserer Landesgeschichte: der Fürstinnen-Kultur, verstanden als weibliche Handlungsräume und Handlungsfelder
2. Förderung des öffentlichen Interesses an Landeskulturgeschichte
3. Impulse für die landes(kultur)geschichtliche Forschung ohne Aussparung der Kategorie Geschlecht
4. Bildungsangebote für unterschiedliche Adressatengruppen (Außenstandorte)
5. Angebote für die touristische Nutzung der Landeskulturgeschichte (infrastrukturelle Impulse: Loitz, Wolgast) Struktur: Aufgrund der großen Resonanz in Fachkreisen hat sich das Projekt im Sommer 2012 in zwei Teilprojekte aufgeteilt: A 2014 (vorauss. ab April/Mai) Ausstellung im Stadtmuseum Wolgast mit Außenstandorten St. Petri (Wolgast), Stadt-und Schlosskirche Loitz, Schloss Ludwigsburg, Leitung in Wolgast: Dr. Barbara Roggow. B 2014 (Mai)Wissenschaftliche Tagung in Greifswald, veranstaltet von der Historischen Kommission für Pommern und der Universität. Forschungskontext: In den letzten Jahren intensivierte sich auffällig die Erforschung der politischen und kulturellen Handlungsräume von Fürstinnen bedeutender Dynastien in der Frühen Neuzeit, Schwerpunkt Ende des 16. bis zur Mitte 17. Jahrhundert. Das Interesse gilt vor allem kursächsischen, brandenburgischen und hessischen Fürstinnen sowie weiblichen Angehörigen des Braunschweig - Wolfenbütteler Hofes. Steht für Historikerinnen die Frage nach den Umständen des politischen Selbstverständnisses und Handelns im Mittelpunkt ihrer umfangreichen, i.d.R. bislang nicht genutzte Quellen erschließenden Untersuchungen, orientieren kulturwissenschaftlich ausgerichtete germanistische Arbeiten auf die Repräsentationsformen frühneuzeitlicher weiblicher Herrschaftspraxis. Insbesondere rückte das Buch als „zentrale(s) Objekt adligen Selbstverständnisses im Kontext konfessionellen und kulturellen Handelns in der Frühen Neuzeit“ (Bepler 2004) in den Fokus. Über die Kulturtechniken „Sammeln, Lesen, Übersetzen, Schreiben“ (Bibliotheken, Inventare, Stiftungen) wird es so möglich, konkrete höfische Praxis zu rekonstruieren und ihre gegenwärtig noch wahrnehmbaren materiellen Zeugnisse zu kontextualisieren.Finanzierung: 2012: IZfG, Mitteln aus dem Ministerium für Soziales 2013: IZfG, Mittel aus dem Ministerium für Soziales2014: Mischfinanzierungen
Publikation "Zwischen TrohnSaal und Frawenzimmer"
1. BUCH (Objekt der Repräsentation und kultureller Produktion)
1.1. Buchbesitz
Lesen: Bücher als Geschenke , Aussteuerbesitz, Anschaffungen während ihrer Regentschaft als Herzoginwitwe in Loitz, ev. bereits als Erzieherin ihrer unmündigen Kinder nach dem Tod des Herzogs 1592 und bis zur Regierungsübernahme Philipp Julius’ 1603
Sammeln: (noch keine Indizien, aber Prägung durch Herkunft))
Stiften: Stiftung der Kirchenbibliothek in Loitz
Förderung: Sophia Hedwig als Mit-Auftraggeberin des einmaligen Schriftzeugnisses pommerscher Kultur: das Reisetagebuch Friedrich Gerschows zur Bildungsreise von (Herzog) Philipp Julius 1602-1603 von 1605
1.2. Schreiben (von Büchern, literarischen Texten):
Erdmuthe von Pommern, geb. von Brandenburg (1561-1623), Stettin, danach Witwensitz in Stolp, ab 1577 verh. mit Johann Friedrich von Pommern, Schwägerin von Hzg. Philipp Julius, schrieb für ihre verwitwete Halbschwester in Dresden, Kurfürstin Sophie von Sachsen (ab 1591 Witwe) ein Gebetbuch. Dieses Gebetbuch wurde in weiblicher Linie weiter vererbt.
Geistliche Lieder, Gelegenheitsgedichte etc.
1.3. Einträge in Stammbücher
Diese Schriftzeugnisse führen die Fürstinnen als Repräsentantinnen ihre Herkunftsdynastie sowie deren Einbindung in die Reichs- und europäische Politik vor. Mit der Entscheidung für Sprache, Text und Unterschrift konstituieren die Schreiberinnen ein repräsentatives Selbstbild.
2. URKUNDEN/ BRIEFE/ Chronikalische Zeugnisse
2.1. Hausbuch des Herrn Joachim von Wedel
Dokument der Auseinandersetzung um das Regentschafts-Selbstverständnis der Fürstin: frühneuzeitlicher „Weiberherrschaft“-Diskurs (nach Heide Wunder indiziert dieser Diskurs Konflikte frühabsolutistischen Herrschaftsverständnisses und –praxis)
2.2. Briefe
Mit-„Regentschaft“ als Gemahlin des Fürsten; eigene Regentschaft als Witwe, politische Akteurin im hochadligen überregionalen Netzwerk im Reich (Bsp. Eheanbahnung), Pflege des weiblichen Netzwerkes: Braunschweig-Brandenburg-Kursachen-Pommern
3. KUNSTOBJEKTE/ KUNSTBESITZ
Herzoginnen als Vermittlerinnen und Förderinnen des zeitgenössischen Kunsthandwerks und der Künste



