Programm Gender im Fokus 2019

Geschlechterforschungskolloquium "Gender im Fokus"

Am 15. November 2019 findet das vom IZfG organisierte Geschlechterforschungskolloquium "Gender im Fokus" statt. Ziel der Veranstaltung ist es, aktuelle Arbeits- und Forschungsvorhaben, die Aspekte der Gender Studies thematisieren, vorzustellen und zu diskutieren. „Gender im Fokus“ versteht sich dabei als ein universitätsweites Austauschforum über Disziplinengrenzen hinweg und möchte Projekten im Bereich der Geschlechterforschung zu mehr Sichtbarkeit und Resonanz verhelfen.

 

Veranstaltungsort:
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg
Martin-Luther-Straße 14
17489 Greifswald
Seminarraum (EG)

 

Hier erfahren Sie mehr über die einzelnen Vorträge:

Adrian Jung (Potsdam) - Grausame Väter, lesbische Vampire, errötende Priester - Gender und Religion in den Schauergeschichten von Joesph Sheridan le Fanu (1814 - 1873)

10.40 Uhr

Der irische Autor Joseph Sheridan Le Fanu ist heutzutage ein weitestgehend in Vergessenheit geratener Autor. Doch hinter der augenscheinlichen Formelhaftigkeit seiner viktorianischen Schauergeschichten, die in heruntergekommenen irischen Landsitzen spielen und den finanziellen und moralischen Verfall katholischer und protestantischer Eliten thematisieren, eröffnet sich der Blick auf eine Vielzahl von ödipalen Konflikten, queeren Frauenzimmern und homosexuellen Priestern. Mag in derlei sexuellen Devianzen ein Grund dafür liegen, dass der lesbischen Vampirin Carmilla (1872), die fast drei Jahrzehnte vor ihrem Kollegen Dracula die Bühne betrat, bisher eine vergleichbare mediale Aufmerksamkeit verwehrt blieb?

Auch in Mme de la Rougierre, der machtbewussten Gouvernante in Le Fanus vielleicht bekanntestem Roman Uncle Silas findet der geneigte Leser eine für viktorianische Verhältnisse eher ungewöhnliche Figuration von Weiblichkeit vor („masculine“; „eats like a wolf“1). Sie entpuppt sich als Verbündete des titelgebenden, spielsüchtigen Onkels, der erst ein Heirats-, dann ein Mordkomplott gegen seine verwaiste Nichte ins Feld führen will, um an ihr Erbe zu gelangen. 

Denn neben den fantastischen Frauenzimmern finden sich oft ebenso überzeichnet boshafte, tyrannische Männer in Le Fanus Werken, die in ihrer psychologischen Funktion an die Stelle des tabuisierten, grausamen Vaters rücken2. Von der unaussprechlichen Rolle des „mad, feary father“3 ist es dann oftmals nur ein kleiner Schritt hin zur „implacable Calvinist deity“4, die lang zurückliegende Vergehen sühnt. Umso bemerkenswerter, dass Gottes Zorn am Ende oftmals auch unschuldige (junge) Männer am härtesten trifft (Green Tea, Spalatro), wohingegen die bisweilen bis zur Erstarrung passiven Frauen oftmals mit dem Leben (wie in Carmilla und Uncle Silas), zumindest aber mit dem Seelenheil (Schalken the Painter) davonkommen. Hierin zeigt sich eine fundamentale Dichotomie, die sich womöglich in Le Fanus Biografie begründet, die vom schmerzhaften Verlust erst der Schwester, dann der Ehefrau geprägt ist.

Der folgende Beitrag hat das Ziel, die Verquickung von Gender und Religion in ausgewählten Kurzgeschichten Le Fanus zu untersuchen und seine unsichere Rolle im literarischen Kanon und kulturellen Gedächtnis in diesem Kontext zu diskutieren: Ist Le Fanus Gott feministisch und wurde das der Popularität des Autors zum Verhängnis?


1 Le Fanu (1989) [1854]: Uncle Silas. New York: Oxford University Press, S. 17-18). 2 Achilles (1991): Jochen Achilles: Sheridan Le Fanu und die Schauerromantische Tradition. Zur psychologischen Motivik von Schauerroman und Geistergeschichte. Tübingen: Narr, S. 27. 3 Walton (2007): James Walton: Vision and Vacancy. The Fictions of J. S. Le Fanu. Dublin: University College Dublin Press, S. 10. 4 Milbank (1992): Alison Milbank: Daughters of the House. Modes of the Gothic in Victorian Fiction. Hampshire/London: The Macmillan Press Ltd., S. 159.

 

Klaus Birnstiel (Greifswald) - "Das Gequicke, das Gekreusche": Lessing, das bürgerliche Trauerspiel und die rape culture des 18. Jahrhunderts

11.20 Uhr

Der zentrale Konflikt in Gotthold Ephraim Lessings bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti, derjenige also zwischen den sozialen Orientierungsnormen eines aufsteigenden Bürgertums und eines um seine schwindenden Privilegien kämpfenden Adelsstandes, ist auch und im Wesentlichen einer um das Zugriffsrecht auf den weiblichen Körper. Während der Prinz Hettore Gonzaga Emilias Körper für sich beansprucht und ihre Verheiratung durch Mord an ihrem Bräutigam verhindert, versucht Vater Galotti, die ‚unbefleckte‘, bürgerliche Ehre seiner Tochter Emilia zu schützen – und glaubt diesen ‚Schutz‘ mit der Tötung der Tochter realisieren zu müssen. Scheint Lessing also gegen die mit männlich-patriarchaler sexueller Libertinage verbundene Willkürherrschaft des Adels und ihre tödlichen Folgen zu polemisieren, so verstört Emilias fortlaufende Selbstverdächtigung, sie könne den groben Avancen des Prinzen aufgrund seiner rhetorischen Fertigkeiten gegen ihren eigentlich erklärten Willen erliegen: Emilia entwirft sich selbst als verführbar, und nicht der Schutz vor ihrem Verführer ist es, den sie sucht, sondern der vor der eigenen Verführbarkeit. Dieses komplexe dramatische Arrangement eines im Kern misogynen Topos von der weiblichen Verführbarkeit als grundlegendem moralischen Makel wird jedoch erneut verkompliziert, wenn Lessing in einer bis dato in dieser Hinsicht nicht kommentierten Szene (IV/3) des Stückes die vermeintlich rhetorisch begründete Verführungskunst des Prinzen als latente Drohung mit Vergewaltigung les- beziehungsweise hörbar macht. Das „Gequicke“ und „Gekreusche“, das Gräfin Orsina aus der Kammer der gefangenen Emilia vernimmt, während diese mit dem Prinzen zusammen ist, markiert in dieser Hinsicht die dramatische Schnittstelle, an der Rhetorik und rape culture aufeinander treffen. Wie der Vortrag zu zeigen versucht, operiert Lessings Trauerspiel vor dem impliziten Hintergrund einer Kultur der Vergewaltigung in der ständisch gegliederten Lebenswelt des 18. Jahrhunderts. Die Kritik der adligen Gewaltherrschaft lässt sich so lesen als Kritik des Geschlechterverhältnisses insgesamt, wobei die Antwort auf die Frage nach der Reichweite dieser Kritik in der komplexen dramatischen und diskursiven Anlage des Stücks zu suchen bleibt.
 

Rebecca Kalisch (Greifswald) - Vom Antifeminismus zum 'Anti-Genderismus'. Ein historischer Vergleich antifeministischer Rhetoriken um 1900 und heute

13.40 Uhr

Antifeminismus gibt es, seit es Feminismus gibt. Schon 1902 legt Hedwig Dohm eine umfassende Analyse des antifeministischen Diskurses um 1900 vor. Sie kategorisiert die Antifeminist*innen, problematisiert die Möglichkeiten einer weiblichen Partizipation an öffentlichen Diskursen und unterlässt es dabei nicht, das eigene Geschlecht in ihre Kritik patriarchalischer Strukturen einzubeziehen, um so aufzeigen zu können, inwiefern Frauen in diese Strukturen eingebunden sind oder sogar an der Hierarchie der Geschlechter kooperieren. Zudem analysiert sie die Verschränkung von antifeministischen und antisemitischen Argumentationen um 1900. Die historische Studie von Ute Planert bestätigt die programmatisch-strukturelle Ähnlichkeit, die Antifeminismus und Antisemitismus um die Jahrhundertwende hatten und zeigt auf, dass beide auch personell und organisatorisch eng miteinander verflochten waren. 1912 organisierten sich Antifeminist*innen im Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation, dessen Gründung auf Akteur*innen des Alldeutschen Verbandes zurückgeht, einer Organisation, in der sich vor allem National-Konservative und völkisch Gesinnte sammelten. Nicht nur am Beispiel dieser Organisation lässt sich die enge Verbindung von Sexismus, Rassismus, Konservatismus und Nationalismus um 1900 aufzeigen. Gegenwärtig diagnostizieren einige Forscher*innen eine gesellschaftliche Stimmung, die eine Normalisierung von Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus befördere. Antifeministische Ressentiments werden demzufolge vor allem entlang von Rassismus und Islamfeindlichkeit und im Kontext der Bewahrung vermeintlich traditioneller, konservativer oder christlicher Werte geschürt und finden hohe Resonanz und Anschlussfähigkeit in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Hier übernehmen u.a. die Beiträge (rechts-)konservativer Journalist*innen in Zeitungen wie der FAZ oder der ZEIT eine Brückenfunktion, da diese – vor allem auch mit ihren Polemiken gegen den Begriff ›Gender‹ – Anschlussstellen für Argumentationen von Rechtspopulist*innen und der extremen Rechte bieten. Einige leitende Fragenstellungen für den Vergleich sind: Welche Geschlechterbilder werden jeweils verhandelt? Welche Rolle spielen traditionelle Vorstellungen von Familie, Mutterschaft und Ehe? Und sind (oder werden) die Diskurse im Kontext einer allgemeinen Krise verortet? Die Analyse nimmt insofern auch den „Mythos der Naturhaftigkeit“ (Hark/Villa: Anti-Genderismus, 28) in den Blick, der für die (biologistischen) Argumentationen um 1900 und heute prägend ist, und fragt danach, inwiefern aktuelle rassistische Argumentationen feministische Anliegen instrumentalisieren.

 

Sandra Markewitz (Vechta) - Jenseits der Vagabondage. Frauen und eine Ethik der Migration

14.20 Uhr

Im gegenwärtigen Diskurs wird nach Mitgliedschaft in Staaten (Benhabib) wie exilierten Gruppen gefragt. Hannah Arendts Text We Refugees (1943) wird gelesen und aktualisiert, besonders herausfordernd ist noch immer Arendts Vorstellung der Flüchtlinge als Avantgarde in jenen nationalen Zusammenhängen, in die sie durch kontingente Fluchtbewegungen verschlagen werden. Der Vortrag stellt die Frage nach der Natur dieser Fortbewegung im Blick auf die gendertheoretische Perspektive: Ist eine erzwungene Bewegung im spatialen Feld auf eine besondere Weise semantisiert, wenn Frauen sie vollziehen? Was unterscheidet ihre erzwungene Flucht von anderen Narrativen der Fortbewegung, etwa der Idee des homo viator (Gabriel Marcel) oder dem kulturwissenschaftlichen Konzept der Vagabondage (Rolshoven/Meierhofer (Hg.) 2012)? Der Topos der „Menschlichkeit in finsteren Zeiten“ (Gedanken zu Lessing: Menschlichkeit in finsteren Zeiten, in: Menschen in finsteren Zeiten 1955, 11-42), der mit Arendts Aussagen zur Flüchtlingsthematik überblendet ist, gewinnt hier eine bislang implizit bleibende Nuance, wenn „ein Denken, das sich ohne Stützen und Krücken, gewissermaßen ohne das Geländer der Tradition frei bewegt“ als Chance des Lessingschen Selbstdenkens gesehen wird, nicht als Verlust der Orientierung inmitten kontingenter Bedeutungsformen. Kann eine sich fortbewegende Frau teilhaben an der Imagination des Ortswechsels, der gleichsam spatial ohne Leitbild ist oder gehört sie nicht zu jenem Subjektideal, das in einer fremden Umgebung befähigt, Akzente zu setzen und Vorreiterrollen zu übernehmen? Arendts Vorschlag ist, wie gezeigt werden soll, in einem Raum des Politischen angesiedelt, der die Konzeption der Vagebondage überbietet, aber auch eine alternative Sicht feststellt. Ihre Identifikation mit der Öffentlichkeitskategorie, die in der Antike Freiheitsform der Wenigen war, wird auf den weiblichen Körper ausgedehnt. Der Glaube, an einer fremden Kultur nicht nur teilhaben zu können, sondern diese zu bereichern, setzt die Identifikation mit der traditionellen Vorstellung des handelnden Subjekts voraus, das auch im Fall der erzwungenen Fluchtbewegung nicht den männlichen Protagonisten überlassen wird.

 


Rückblick auf die vergangenen Kolloquien

Gender im Fokus 2018

Gender im Fokus 2017

Gender im Fokus 2016

Gender im Fokus 2015

Gender im Fokus 2014